„Bei Franz war Magie in der Luft“

von Redaktion

Klaus Augenthaler schwelgt vor dem Beckenbauer Cup in Erinnerungen

Menschenfänger –und mehrfacher Meister: gemeinsam holten Beckenbauer und Augenthaler in der Saison 1993/1994 die Schale. © imago

München – Klaus Augenthaler (67) kannte Franz Beckenbauer bestens – und spricht vor dem Beckenbauer Cup an kommenden Montag im SAP-Garden über den „Kaiser“.

Herr Augenthaler, vor einem Jahr gefragt wurden Sie gefragt, wie groß der Schock nach dem Tod von Franz Beckenbauer ist. Können Sie jetzt schon sagen, wie sehr er fehlt?

Sehr. Vor allem, weil ich ihn über so lange Zeit in so vielen verschiedenen Funktionen erlebt habe. Alles fing an, als ich beim Europapokalfinale der Landesmeister 1974 in Brüssel zugesehen habe. Damals als junger, fußballinteressierter Bursche, aber vier Wochen später habe ich mein Probetraining beim FC Bayern absolviert. Ich war 17 – und stand dann da mit Müller, Maier, Beckenbauer. Ich war richtig zittrig. Da war große Ehrfurcht da.

Haben Sie ihn angehimmelt?

Man musste seine Art des Fußballs lieben. Ich kann mich aber vor allem an das Finale von Brüssel erinnern, weil ich beim 1:0 auf der Toilette war und beim Ausgleich durch Katsche Schwarzenbeck schon weg. Alles falsch gemacht…

Wenig später war Beckenbauer Europapokal-Sieger – und Ihr Teamkollege.

Bei meinem ersten Freundschaftsspiel in Zürich – ich wurde in der 75. Minute eingewechselt – sagte er auf seine typische Art: „Jetzt kommt wieder so ein Blinder.“ Ich habe die ganze Zeit gedacht: „Spielt mir bitte keinen Ball zu.“ Auch später, als ich Stammspieler war, war ich nervös. Eine Zeit lang hat es richtig gekribbelt. Werner Olk sagte mir damals: „Klaus, Du musst Dich schon besser durchsetzen.“

Leichter gesagt als getan?

Das war am Anfang schon eine andere Liga. Als ich das erste Mal im Kader war, habe ich Franz und Katsche in der Dusche gesehen, die den Ball hochgehalten haben. Blind! Ich hätte das keine fünfmal geschafft – und sie haben es nebenher gemacht, als sei es das Einfachste der Welt. Das war faszinierend. Und auch später, als ich dieselbe Position gespielt habe wie der Franz, habe ich mich nie mit ihm verglichen. Obwohl ich sogar die Nummer 5 hatte.

Später haben Sie gegen ihn gespielt, dann beim DFB unter ihm, ehe Sie sein Co-Trainer waren – Sie kannten ihn also in jeder Rolle seines beruflichen Wirkens. Ist er sich immer selbst treu geblieben?

Absolut. Franz hat sich nie verändert. Viele sagten ja über ihn, er habe als Trainer nur gesagt: „Geht’s raus und spielt’s Fußball.“ Das wird ihm nicht gerecht. In diesem einen Jahr, das ich mit ihm gearbeitet habe, habe ich so viel gearbeitet wie noch nie. Mittags haben wir uns kurz eine Pizza bringen lassen, weil wir weiter analysieren mussten. Und zwar dreimal pro Woche! Franz war unglaublich akribisch, das habe ich von niemand anderem so erlebt.

Heute verbringen die modernen Trainer Stunden vor dem Laptop …

Wissen Sie, ich war auch zehn Jahre lang Trainer. Aber Franz hat das alles auf eine neue Ebene gehoben. Er hatte damals dicke Stapel von Unterlagen, Videos gab es noch nicht. Jeder wusste ab Montag, wer am Samstag beim Gegner die Ecken schießt, wer Linksfuß, wer Rechtsfuß ist. Die Besprechungen am Samstag dann waren so intensiv, dass jeder auch noch wusste, wer blaue Augen und wer einen Schnurrbart hat. Einmalig!

Was konnte man von ihm noch als Trainer lernen?

Menschenführung. Zwar hat er manchmal gegrantelt, er war ja Perfektionist, aber er hat es die Profis nie merken lassen. Er war väterlich. Die Fehler, die Spieler gemacht haben, hat er so verpackt, dass er immer das Selbstvertrauen gefördert hat.

Haben Sie ihn als Teamchef beim DFB auch so erlebt?

Da hat er eine Entwicklung genommen. Die WM 1986 war schwierig für ihn. Sogar die Journalisten haben in Mexiko mit uns in der Hacienda gewohnt. Er musste vieles gleichzeitig schaffen, das war kein Vergleich zu 1990 – wo ich übrigens auch fast nicht mitgefahren wäre.

Erzählen Sie!

Franz hat mich überredet, obwohl ich von oben bis unten angeschlagen war. In seiner lässigen Art sagte er: „Das kriegen wir schon hin.“ Dem Franz hat man ja alles geglaubt. Er hatte so eine Aura. Wenn er am Ball war, sah es eleganter aus als bei allen anderen. Und genauso war es, wenn man später mit ihm unterwegs war. Man merkte richtig, wie die Leute sich verhalten haben: Oh, da kommt der Beckenbauer. Da war immer Magie in der Luft.

Und Sie wären ohne ihn kein Weltmeister.

Obwohl ich in der Vorbereitung mehr auf der Massagebank lag, als auf dem Trainingsplatz zu stehen…

Wie war die berühmte Szene auf dem Rasen in Rom in live?

Genauso. Er ist ja ein oder zwei Mal um den Platz gegangen. In dieser Zeit hat er die ganze WM Revue passieren lassen. Er hat das genossen.

… nur das Schafkopfen hat er nie gelernt, oder?

(lacht) Er konnte die Regeln, aber er hat nicht einmal mitgezählt, wie viele Trümpfe schon weg sind. Trotzdem war er nie schuld, wenn er verloren hat.

Wie bitte?

Auch das war der Franz. Wenn wir Partner waren, war am Ende immer ich schuld. Dem Franz konnte man aber nie sauer sein (lacht).

Ging am 125. Jubiläum ein Gruß nach oben?

Natürlich. Wir vergessen ihn nicht, auch die Fans nicht, sogar die Gegner nicht – wie man beim Zuspruch für den Beckenbauer Cup sieht.

Im Fußball-Himmel spielt er mit Maradona und Pele.

Ich habe gegen alle drei gespielt. Wenn die drei da oben zusammen kicken: Halleluja!


INTERVIEW: HANNA RAIF

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