Bissiger Löwe: Kapitän Jesper Verlaat geht als kämpferisches Vorbild voran. © Eibner / Imago
München – Das Spiel lief schon ein Weilchen, da erlebten die mitgereisten Löwen-Fans ihren Zehner in ungewohnter Rolle. Wiesbaden hatte nach einem Angriff der Gäste schnell umgeschaltet, aber Fabian Guttau, neu in der Startelf, war auf der Hut. Er eilte nach hinten, um einen Konter zu stoppen, ehe er gefährlich werden konnte. Klärender Seitenlinien-Rempler gegen Thijmen Goppel, der Rest des Teams konnte sich formieren. Oft macht Guttau vorne den Unterschied, diesmal half er hinten aus. Lucoqui feierte ihn dafür – eine typische Szene für den neuen 1860-Geist. Man verteidigt zusammen, man springt für den anderen ein, das Motto lautet derzeit unübersehbar: Safety first!
Die Löwen und ihre neue Lust am Verteidigen. Seit dem 1. März, als Valmir Sulejmani (Hannover II) seinem Ex-Verein Jubiläums-Gegentor Nummer 50 einschenkte, steht die blaue Defensive. Auch am Mittwochabend, beim 0:0 in Wiesbaden, gingen die in unschuldigem Weiß gekleideten 1860-Profis keinem Zweikampf aus dem Weg. Zweites Zu-Null in Folge, Wiesbadens Angriff prallte am Giesinger Bollwerk ab. Wie bereits am Sonntag, beim mit Glück und Geschick erkämpften 1:0-Sieg gegen Dortmund.
Patrick Glöckner hatte einen „Löwen-Fight“ angekündigt – und das Team scheint dem früheren Zweitliga-Kicker zu folgen. „Es hat sehr viel Spaß gemacht, das Spiel von der kämpferischen Seite anzugucken“, sagte der 1860-Coach nach seinem dritten Spiel in Folge ohne Niederlage. Dass auf der offensiven Seite viele Wünsche offen blieben (bei beiden Teams übrigens), konnte Glöckner verschmerzen, denn er weiß, dass jeder Architekt das Haus vom Fundament her baut. Offensive Leichtigkeit und „Effizienz im letzten Drittel“, predigt der Coach, würden irgendwann automatisch dazukommen.
Der Giannikis-Nachfolger hat den 1860-Fußball den Erfordernissen des Abstiegskampfs angepasst – und er hat relativ schnell erkannt, welche Spieler den neuen Pragmatismus am besten umsetzen. Mehr Maier, weniger Frey. Lucoqui statt Kwadwo, der seinen Stammplatz verloren hat. Die Wintertransfers von Sportchef Christian Werner haben erkennbar dazu beigetragen, Lauf- und Zweikampffreude zu wecken. Auch Dickson Abiama ist zwingend zu erwähnen. Zuletzt wirkten seine Aktionen etwas fahrig, am Mittwoch musste der Sturmblitz schon zur Pause für Patrick Hobsch weichen. Mit seiner Schnelligkeit, diesmal in vorderster Front eingesetzt, gibt Abiama aber eine Richtung vor, der sich andere sprintbegabte Profis (Danhof, Dulic, Reich, Wolfram) mit großem Eifer anschließen.
Nicht nur Glöckner, auch Kapitän Jesper Verlaat registriert die neue Lust an leidenschaftlichem Fußball mit großer Zufriedenheit. „Die Mentalität stimmt zu 100 Prozent“, sagte der umsichtige Abwehrchef: „Man kann keinem etwas abstreiten. Wenn man sich überall reinschmeißt, ackert und sich für keinen Meter zu schade ist, dann ist es schwer, gegen uns Tore zu schießen.“
Auch für Tabellenschlusslicht Haching am Samstag? Überstehen die Löwen die gesamte Englische Woche ohne Gegentor, wäre das eine kleine Sensation. Der letzte Zu-Null-Dreierpack ist lange her – es gab ihn im August 2022 unter Glöckners Vorvorvorgänger Michael Köllner.
ULI KELLNER