Er verschob die Grenzen des Machbaren: Der norwegische Ausnahmebiathlet Johannes Thingnes Bö (r.) hinterlässt große Spuren. Auch Bruder Tarjei Bö (l.) beendet seine Karriere bei der Abschiedstournee am Holmenkollen. © IMAGO/Lutz Hentschel
Oslo – Bei Ole Einar Björndalen hätte es dieses Karriereende so niemals gegeben. „Er ist doch noch so jung“, sagte Norwegens Biathlon-Ikone über seinen Landsmann Johannes Thingnes Bö. Im Gesicht des mittlerweile 51-Jährigen ist das Unverständnis herauszulesen, dass Bö mit gerade mal 31 Jahren Schluss macht. Selbst die Aussichten auf weitere Olympia-Medaillen in knapp einem Jahr konnten Bö nicht davon überzeugen, seine Laufbahn fortzusetzen. Und so kommt es ab Freitag zum emotionalen Abschied des vielleicht besten Biathleten der Geschichte – ausgerechnet am heimischen Holmenkollen.
Zehntausende Fans werden sich an den drei Wettkampftagen auf den Weg ins Mekka des nordischen Skisports machen, um Johannes Thingnes Bö und seinen fünf Jahre älteren Bruder Tarjei beim Heimspiel zu verabschieden.
23 Mal gewann der Jüngere WM-Gold und holte fünf Olympiasiege, insgesamt sind es bis jetzt 90 Karrieresiege. Nur Björndalen hat mit 95 mehr. Zwölf WM-Titel und drei Olympiasiege gingen an Tarjei. Beide prägten ihren Sport mehr als ein Jahrzehnt lang und werden nicht nur in Norwegen eine große Lücke hinterlassen.
„Muss fast nicht trainieren, um die Nummer eins zu sein“
„Es reicht nicht, um noch ein Jahr weiterzumachen“, hatte Johannes Thingnes Bö im Januar gesagt, als er für viele überraschend unter Tränen in Ruhpolding das Ende seiner einzigartigen Laufbahn verkündete. Dabei geht es keineswegs um seine Leistungsfähigkeit. Viel mehr mangelt es an Motivation. Die Schinderei im Sommer, die endlosen Trainingskilometer und die vielen Tage weit weg von seiner Familie – darauf hat Rekordjäger Bö keine Lust mehr. „Es nimmt dir und den Menschen um dich herum sehr viel, die Nummer eins in deinem Sport zu bleiben“, sagte er.
Eigentlich wollte Bö sich vor seinem Heim-Publikum mit dem sechsten Gesamtweltcupsieg verabschieden. Doch das dürfte nicht gelingen. Am vergangenen Wochenende beim Weltcup in Slowenien fehlte der langjährige unantastbare Dauersieger krank und entschied sich dazu, erstmal wieder zu Kräften zu kommen. 104 Punkte beträgt der Rückstand auf Landsmann Sturla Holm Laegreid vor seinem letzten Sprint am Freitag (13.30 Uhr/ARD und Eurosport). Zwar werden in drei Rennen bis Sonntag noch maximal 270 Zähler verteilt, doch Laegreid wird sich den Vorsprung nicht mehr nehmen lassen.
Biathlon werde zwar „sicher weitergehen, aber es wird anders sein“, sagte der deutsche Sportdirektor Felix Bitterling. Die Sportart verliert ihr Gesicht und muss erst einen würdigen Nachfolger finden. „Er ist absolut einzigartig“, sagte auch Bruder Tarjei Bö. Björndalen ist sich sicher: „Würde er weitermachen, hätte er all meine Rekorde gebrochen.“