Er liebt es, die Klingen zu kreuzen: Patrick Hager (r.) im Zweikampf mit dem Mannheimer Marc Michaelis. © dpa/Uwe Anspach
München – Patrick Hager geht auf Bergtour. Die Schlittschuhe kratzen über Felsen, die Handschuhe greifen in den lehmigen Hang. Es muss heiß sein unterm Helm und in seiner Eishockey-Montur. Doch Hager blickt dann zufrieden hinab auf seinen Arbeitsplatz, den (weit entfernten) Münchner SAP Garden.
Der Werbefilm für die Multifunktionshalle wird auch an diesem Mittwoch wieder abgespielt werden auf dem riesigen Videowürfel, er ist die gesamte Saison schon das Vorprogramm für die Spiele des EHC Red Bull München. Patrick Hager ist der Kapitän der Mannschaft, ihr bekanntestes Gesicht und ihre – obwohl er in Stuttgart auf die Welt kam – bayerische Stimme.
Doch auch abseits des PR-Einsatzes: Patrick Hager setzt gerade zum Gipfelsturm in eigener Sache an. Nicht dass er selbst das zum Thema gemacht hätte, dafür ist er zu sehr Mannschaftssportler – aber er könnte zum erfolgreichsten Playoff-Scorer der DEL-Geschichte werden.
Seit seinen ersten Playoffs 2009 mit den Krefeld Pinguinen hat er 90 Scorerpunkte gesammelt. Bestehend aus 41 Toren und 49 Assists. Patrick Reimer ist noch einen Punkt vor Hager – aber eben schon im Ruhestand. Und da viele Leute sagen, die Serie zwischen München und Mannheim könnte den Best-of-Seven-Rahmen ausreizen, hätte Hager reichlich Gelegenheiten für den 91. und 92. Punkt. Und falls es zu einem Halbfinale und noch mehr käme, wäre theoretisch sogar das 1000. DEL-Spiel noch drin in den kommenden Wochen. Er steht bei 982.
Nur mit Krefeld verpasste Hager in der Frühphase seiner DEL-Karriere dreimal die Qualifikation für die wichtigste Phase des Jahres, doch seit 2013 mit Ingolstadt, Köln und München war er immer in den Playoffs. Mit Ingolstadt wurde er 2014 Meister, mit dem EHC München 2018 und 23. Von Köln nach München war er 2017 gewechselt, ein Jahr früher als geplant. Er hatte weit im Voraus in München unterschrieben, und in der Kabine der Haie gab es atmosphärische Störungen. Köln ließ ihn gehen.
In den vergangenen eineinhalb Jahren musste Hager als Kapitän die Zweifel am EHC wegargumentieren. Zweimal Platz fünf, das lag unter den Ansprüchen. „Es ist nicht so schlecht, wie es von außen gemacht wird“, sagte er. Oder: „Wir wissen, wen wir in der Kabine sitzen haben“, warb er dafür, die individuelle Qualität seiner Mitspieler, ihren Erfahrungsschatz und ihre Erfolgsbilanzen anzuerkennen. Der Aufwärtstrend, der mit der Rückkehr von Don Jackson an die Bande einsetzte, scheint ihn zu bestätigen.
Auch mit 36 Jahren ist Patrick Hager noch ein Schlüsselspieler für den EHC, man kann ihn in jeder Situation bringen. Im ersten Viertelfinalspiel am Sonntag in Mannheim, das nach Verlängerung 1:2 verloren wurde, kam er auf fast 19 Minuten Eiszeit. Playoffs sind Chefsache.
Allerdings: Die Produktion hat nachgelassen, in den 42 Spielen der Hauptrunde, die er machen konnte, erzielte er lediglich drei Tore. Auch unter seinem Mentor Don Jackson ging der Knoten im Scoring nicht richtig auf: ein Tor, fünf Assists. Seit nunmehr sechs Spielen ist der Mittelstürmer schon punktlos. Und es gibt in Fankreisen durchaus Diskussionen, wie viel Zukunft noch übrig bleibt für den Kapitän.
Wenn er das mitbekommt, dürfte es ihn anstacheln. Es macht ihm nichts aus, beschwerliche Wege zu gehen. Hinauf den Berg. Sogar in voller Montur.
GÜNTER KLEIN