„Alles zu verdanken“: „Mull“ über Beckenbauer. © imago
„11,0 Sekunden!“ Müller-Wohlfahrt über seine Bestzeit auf 100 Meter. Bis heute läuft er regelmäßig. © imago
Offene Worte: Raif und Müller-Wohlfahrt. © götzfried
„Die Geschichte ist geschrieben. Heute fühle ich mich frei“: Müller-Wohlfahrt hat mit dem FC Bayern abgeschlossen. Die Erinnerungen trägt er dennoch im Herzen.
München – Die 125-Jahr-Feierlichkeiten des FC Bayern haben beim Beckenbauer Cup ihren Höhepunkt erreicht – aber wie schon bei der offiziellen Party Ende Februar hat ein prominentes Gesicht gefehlt. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hat das Jubiläum des Vereins, für den er mehr als 40 Jahre lang gearbeitet hat, aus der Ferne beobachtet. Zeit für ein großes Interview hat sich der 82-Jährige trotzdem genommen. Ein Gespräch über gute und schlechte Zeiten.
Herr Dr. Müller-Wohlfahrt: 125 Jahre FC Bayern, mehr als 40 Jahre davon haben Sie „live“ miterlebt. Also bleibt die Frage nicht aus: Was ist das so viel zitierte „Mia san mia“ für Sie?
Es ist der Beginn eines volksnahen Bayernliedes. Es drückt ein Gefühl aus, das mit Stolz, Selbstbewusstsein und Zusammenhalt einhergeht. Aber für mich gehört es eher der Vergangenheit an. Ich glaube: nur noch wenige Spieler spüren dieses Gefühl. Wenn ich an „Mia san mia“ denke, erinnere ich mich vor allem an die Zeiten unter Ottmar Hitzfeld und Jupp Heynckes. Große Trainer, große Erfolge – wohl einmalig.
Wie ist es denn heute?
Wenn ich mir die Mannschaft heute ansehe, fehlt mir die Identifikation zahlreicher Spieler mit dem Verein. Es ist ein Gefühl! Der FC Bayern war eine Familie, heute ist er aber mehr und mehr zum Großunternehmen geworden. Spieler rangieren auf einer Werteskala je nach Ablösesumme.
Blicken Sie traurig auf diese Entwicklung?
Es lässt sich nicht ändern. Es ist der Wandel der Zeit. Als ich in den 70er-Jahren anfing, waren es 16 Mitarbeiter – jetzt sind es mehr als 1000. Man kannte sich, man hat sich geschätzt, einer war für den anderen da. Heute lebt das Mia san mia am ehesten in der Fankurve weiter. Aber dieses Gefühl, das wir früher auf dem Rathausbalkon hatten, dieser Stolz auf unser Team, diese Riesengemeinschaft – das sehe ich in der Mannschaft und im Umfeld nicht mehr. Trotzdem: Es bleibt die Erinnerung.
Fangen wir von vorne an: Anreise aus Berlin 1976, zum Vorstellungsgespräch kamen Sie zu spät.
Ich musste ja durch die DDR fahren und die Grenzkontrollen dauerten unvorhersehbar lange. Und ich weiß es noch genau: Ich bin in München an der Geschäftsstelle im offenen Trenchcoat drei Stufen auf einmal hochgerannt. Dann kam ich in den Konferenzraum mit Neudecker, Schwan und Cramer, die mich eingeladen hatten. Robert Schwan sagte: „Machen wir es kurz. Wir suchen einen Arzt wie Sie, können Sie sich das vorstellen?“ Handschlag. Fertig. Am Ende sollte ich mit einer Unterbrechung 43 Jahre bleiben.
Mit welchem Gefühl haben Sie damals Ihre Arbeitstage bestritten? Respekt? Neugierde? Angst?
Angst? Nein! Respekt? Okay. Aber das Entscheidende war, mit dem nötigen Selbstvertrauen hinzugehen und zu sagen: Ich kann das, ich schaffe das. Bereits nach vier Wochen kam Franz Beckenbauer auf mich zu, damals als Kapitän der Mannschaft. Er sagte: „Doktor, die Mannschaft bejaht dich. Du hast drei Jahre Zeit, Dich zu entwickeln. Sieh zu, dass du der beste Sportarzt in Deutschland wirst.“ Das muss man sich mal vorstellen! Ich hatte Zeit und Raum, meine eigene, alternative Medizin zu entwickeln. Ohne Kortison, gut verträglich, ohne Nebenwirkung. Das habe ich für immer dem Franz zu verdanken. Er war bis zum Schluss mein Patient und Freund.
Heute sagen Sie: Die Sportmedizin befindet sich in der Rückentwicklung.
Leider ja. Heute geht ein Spieler nach einer Verletzung sofort in die Röhre. Nicht selten höre ich von Bundesliga-Spielern: Der Doktor hat mich gar nicht angefasst. Die Kernspin-Technik bietet wunderschöne Bilder, aber diese sind mit Vorsicht zu genießen. Bei Muskelverletzungen sind mehr als 50 Prozent der Diagnosen falsch. Es geht nichts über die Hände, die manuelle Untersuchung! Die Hände sind der Technik weit überlegen. Ich habe meine endgültige Diagnose in aller Regel noch auf dem Platz, allerspätestens in der Kabine gestellt. Einschließlich der Ausfallzeit. Damals habe ich den Spieler zusammen mit meinem Physiotherapeuten Fredi Binder behandelt und zur frühest möglichen Zeit behutsam ins Training zurückgeführt. Rezidive gab es keine.
Was war früher die häufigste Verletzung, was heute?
Es waren und sind auch heute so gut wie immer die Muskelverletzungen. Unter Heynckes hatten wir in einer Saison nur drei Muskelverletzungen. Unter anderen Trainern hatten wir manchmal weit weit mehr, so die Studie der UEFA. Bei der Prävention von Verletzungen geht es vor allem um das Aufwärmen und die Regeneration. Fußballer machen nicht gerne Ausdauerläufe, diese sind aber die beste Grundlage! Wir hatten nicht immer überragende Mannschaften, wurden aber immer wieder Deutscher Meister, weil wir läuferisch so stark waren.
Waren die Spieler früher auch härter im Nehmen?
Bei Sepp Maier habe ich einmal gedacht, ich sehe nicht recht: Sepp Maier hat sich das Außenband am Sprunggelenk gerissen, lässt sich zwei Holzspatel geben, wickelt sie mit Tapestreifen an und spielt weiter. Sepp ist ein Vertreter der Generation, die Schmerzen besser verdrängen konnte, die nie gejammert und kein Theater gemacht hat. So etwas gibt es heute nicht mehr! Ich war noch ganz am Anfang meiner Mannschaftsarzttätigkeit bei Bayern. Ich hätte energischer dagegen vorgehen müssen. Später habe ich das in solchen Fällen gemacht. Auch wenn es manchmal ein kleiner Kampf war, einen Spieler auszuwechseln.
Haben das alle Trainer akzeptiert?
Neue Trainer mussten auch neu überzeugt werden. Auch Jupp (Heynckes/d. Red.) war zunächst skeptisch. Als ich Lothar Matthäus einmal wegen einer Muskelverletzung eine Pause verordnet hatte und er dennoch daheim im Garten kickte, riss sein verletzter Muskel komplett. Ab diesem Moment hat Jupp mir vertraut. So sehr, dass er mir später seine Spieler von überall her schickte.
Hat lediglich Guardiola Sie aus der Fassung gebracht?
Unter Jürgen Klinsmann wollte ich schon mal hinschmeißen, da hat Uli Hoeneß gesagt: „Kommt gar nicht infrage! Halt dich vorübergehend etwas zurück, aber du bleibst bei uns.“ Unter Guardiola aber musste ich handeln, Uli war nicht verfügbar. Der fürchterliche Eklat in Porto hat mich tief getroffen. Von der anwesenden Vereinsführung hätte ich mir auf Grund meiner Verdienste Rückendeckung erwartet. Ich hätte Schuld an der Niederlage, lautete der Vorwurf. Das ist doch absurd! Das konnte ich nicht akzeptieren.
Trotzdem kamen Sie später zurück.
Als Pep verabschiedet war, flehte man mich nach eineinhalb Jahren an zurückzukommen und wieder Ordnung in die medizinische Abteilung zu bringen. Eigentlich war ich da an einem Punkt, an dem ich offen für Neues war, für Amerika, für andere Sportarten.
Aber?
Uli und Brazzo (Salihamidzic/d. Red.) sagten: „Der Verein braucht dich, bitte hilf uns!“ Da bin ich schwach geworden.
Also sprinteten Sie wieder aufs Feld. Was war eigentlich Ihre 100-m-Bestzeit?
11.0 Sekunden! Und bis heute gehe ich regelmäßig laufen Mindestens zweimal pro Woche, im Englischen Garten, mit Stirnlampe. Auch bei Minusgraden. Es gibt kein Pardon!
Wie ist Ihr Verhältnis zum FC Bayern heute?
Ich sehe mich als stiller Beobachter. Wiederholt hätte ich gerne eingegriffen, um bei medizinischen Problemen zu helfen. Das waren so meine Gedankenspiele. Zu Uli und einigen anderen besteht nach wie vor ein freundschaftliches Verhältnis.
Ihr berufliches Wirken geht weiter, auch ohne Bayern. Aber gab es so etwas wie ein „Loch“ danach?
Ja, das gab es. Tief getroffen haben mich menschliche Enttäuschungen. Ich habe von mir aus die Vereinsarzttätigkeit beendet. Der Verein war lange Jahrzehnte Teil meines Lebens. Ich habe mich mit dem Verein identifiziert und das Mia san Mia verinnerlicht. Durch mein Tun fühle ich mich als Teil der Geschichte, des Aufbaus und des Erfolgs des FC Bayern. Die Geschichte ist geschrieben. Heute fühle ich mich frei, international zu agieren und Sportlergrößen in allen Disziplinen zu begleiten.
Ihr Abschied verlief leise. Wollten Sie keine offizielle Verabschiedung?
Wissen Sie, wie oft ich von Bayernmitgliedern die Frage gehört habe, warum es keine Standing Ovations, keine Blasmusik, kein Abschiedsgeschenk, kein Essen, keine Geste gegeben habe? Meine Reaktion darauf: Die Antwort kann nur der Verein geben.
Was wünschen Sie dem Verein für die nächsten 125 Jahre?
Dass er die Nummer eins in der Welt wird. Auf dem Fundament, das Uli geschaffen hat lässt sich Großes weiterentwickeln. Vor allem aber wünsche ich dem Verein Menschlichkeit.
INTERVIEW: HANNA RAIF