Begeisterung sieht anders aus: Nagelsmann im Leipziger Stadion. © IMAGO
Dortmund – Als Joachim Löw Bundestrainer war, wurde über ihn gewitzelt: Bundesligaspiele schaut er sich nur in Freiburg vor seiner Haustür und vielleicht noch in Sinsheim bei der TSG Hoffenheim an. Gelegentlich wurde er auch im Berliner Olympiastadion gesichtet, denn in der Hauptstadt hatte er zwischenzeitlich mal einen Zweitwohnsitz im Bezirk Mitte. Jedenfalls: Als fleißigen Scout hat man Jogi Löw nicht wahrgenommen, sondern vielmehr registriert, wenn er Spiele um die 80. Minute herum verließ, um den Abreisestau der Massen zu vermeiden.
Hansi Flick, Löws Nachfolger, zeigte mehr Präsenz vor Ort. Wochenenden, in denen er ein Spiel am Freitag, eines am Samstag, eines am Sonntag besuchte, waren keine Seltenheit. Außerhalb der Länderspiel-Maßnahmen ist es der sichtbare Teil der Arbeit, dass ein Bundestrainer durch Beobachtung herauszufinden versucht, wer eine Berufung in die Nationalmannschaft verdient hat.
Und wie hält es Julian Nagelsmann? Der 37-Jährige hat vieles von althergebrachten Bundestrainer-Vorstellungen überholt – darunter auch die Spiel- und Spielerbeobachtung. „Ich bin nicht der Riesenfan davon, ins Stadion zu gehen“, erklärt er. Der Grund: Da seien in seiner Position Repräsentieren und Netzwerken gefragt. Nagelsmann im flapsigen Nagelsmann-Deutsch: „Es geht oft darum, zu labern, und nicht, das Spiel zu sehen.“
Bei den deutschen Gipfeltreffen in der Champions League hat er es so gehandhabt: Das Hinspiel Bayern – Bayer in München verfolgte er in der Allianz Arena, das Rückspiel war ihm nicht bedeutsam genug, um nach Leverkusen zu fahren, denn: „Da war kein Spieler dabei, der mich überraschen wird.“ Er ließ die Partie zu Hause zwar laufen – aber nicht als Hauptprogramm. Nagelsmann schaut oft drei Spiele parallel an. „Fernsehen, iPad, Laptop“, zählt er die Endgeräte auf für die linearen Übertragungen und Live-Streams. Mehr interessiert als Bayer vs. Bayern hat ihn Inter Mailand mit Yann Aurel Bisseck, den er nun erstmals für die A-Nationalmannschaft nominierte.
Dass so gut wie jedes relevante Spiel auf irgendeinem Weg verfügbar ist, hat die Arbeit von Bundestrainern, die früher auch nach Spanien, Italien oder England reisten, um ihre bei ausländischen Clubs tätigen Auswahlspieler überhaupt sehen zu können, verändert. Für den Bundesliga-Alltag gibt es spezielle Scouting-Feeds, die von der fürs Durchschnittspublikum dramatisierten Fernsehperspektive abweichen. Es ist nicht mehr so, dass der Bildschirm nur eine begrenzte Wahrnehmung erlauben würde.
Vier Monate gab es kein Länderspiel, Stadien mied Nagelsmann – wie also hat er die Zeit mit sinnvoller Tätigkeit gefüllt? „Mit dem einen oder anderen Spieler habe ich Video gemacht“, berichtet er. Die Sitzungen fanden online statt. Nagelsmann: „Es ist eine extreme Gratwanderung, den Spielern nicht auf die Nerven zu gehen und sie nicht vom Club abzuhalten.“ Der Satz könnte von Jogi Löw sein.
GÜNTER KLEIN