Siegen statt Taktieren

von Redaktion

2:1 in Italien: Julian Nagelsmanns Konzept geht wieder auf

Traum-Comeback beim DFB: Leon Goretzka. © IMAGO/Cippitelli

Wichtiges Tor: Deutschland gewinnt in Mailand mit 2:1 und hat gute Chancen auf das Nations-League-Halbfinale. © IMAGO

Mailand – Hin- und Rückspiel, das hat man selten im Nationalmannschaftsfußball. Fürs erste Match wünscht man sich ein bestimmtes Ergebnis, oder? „Ich bin kein Freund des Taktierens, sondern des Gewinnens“, hatte Bundestrainer Julian Nagelsmann am Tag zuvor gesagt. Die Siegesabsicht war seinem Personal deutlich anzusehen – und sie wurde umgesetzt: 2:1 gewannen die Deutschen durch Tore von Tim Kleindienst und Leon Goretzka. Ein Eingewechselter und ein Rückkehrer ins Team – Nagelsmann kann die zweite Partie am Dortmund (Sonntag, 20.45 Uhr) gelassen angehen. Das Final-Four-Turnier der Nations League im Juni ist schon recht nahe.

Der absolute Publikumsmagnet war dieses Viertelfinalspiel nicht, im Fußballtempel von San Siro blieben viele Sitzschalen leer. Und die Geräuschkulisse war verdächtig: Viele Kinderstimmen konnte man aus dem Oberrang vernehmen – als wäre Schulwandertag oder Kartenverschenkaktion in den Vereinen. „Heimspiel in Mailand“, höhnte der deutsche Block, 3500 Leute stark, beste Zahl bei einem DFB-Auswärtsspiel seit zehn Jahren. Das italienische Publikum pfiff die deutsche Hymne aus, einige Azzurri-Spieler versuchten sportsmenlike mit demonstrativem Applaus dagegenzuhalten.

Die Elf von Nagelsmann mit gleich zwei Mainzern – Nadiem Amiri und Johantah Burkardt – trat durchaus heimspielmäßig auf, ließ das Geschehen meist in der Hälfte des Gegners stattfinden. Dessen Ansatz: Er reagierte auf deutsche Nachlässigkeiten mit Kontern. Der erste schon in der 4. Minute, als Leroy Sané der Ball abhanden kam, der beste in der 9. Minute – und er führte zum 1:0. Barella schlug einen Pass um DFB-Verteidiger David Raum herum, Politanos Pass in die Mitte konnte Jonathan Tah nicht richtig klären, der Ball landete bei Sandro Tonali, der zielsicher einschoss. Und weitere zwei Male in der ersten Halbzeit kreuzten die Azzurri gefährlich in Torwart Oliver Baumanns Revier auf. Der Keeper musste einen strammen Schuss von Tonali parieren (30.) und einen von Moise Kean, den Tah und Antonio Rüdiger gewähren ließen, weil sie auf den Abseitswink warteten – der nicht kam. Sie schleuderten dem Linienrichter böse Blicke entgegen.

Die deutsche Mannschaft war bemüht, doch zu handfesten Chancen kam sie nicht. Burkardt köpfte aufs Tornetz, Leon Goretzkas Fernschuss war nicht sonderlich tückisch. Kurz vor dem Wechsel spritzte Burkardt in eine Flanke seines Mainz-Kumpels Amiri – doch mehr als ein Schmerzmoment für zwei klärende italienische Abwehrspieler sprang nicht heraus. Amiri hatte noch eine Freistoßgelegenheit, nachdem Musiala bei einem seiner Dribblings kurz vor der Sechzehner-Kreide gelegt worden war. Amiri schoss drüber und vorbei in einem.

Nagelsmann zog seine Schlüsse daraus, dass die Angriffsbemühungen schleppend verlaufen waren. Er wechselte die 1,94 Meter von Tim Kleindienst ein. Bei erstbester Gelegenheit, einer Flanke von Außenverteidiger Joshua Kimmich, schraubte sich der Mönchengladbacher in die Höhe, der Kopfball zum 1:1 (49.) ist fortan Lehrmaterial. Und dem Spiel tat es gut. Es gestaltete sich offener, Italien griff auch mal richtig an, nicht nur über Konter. Oliver Baumann musste beim Abschluss des freigespielten Raspadori schon richtig gut aufpassen (68.). Und er machte sich noch einige Male groß und breit, wenn es gefordert war.

Gejubelt wurde auf der ihm gegenüberliegenden Seite. Alte deutsche Tugend, die schließlich entschied: Standardsituation. Leon Goretzka mit Kopf bei der Ecke von Kimmich (76.). Eine sehr spezielle Geschichte, die zeigt: Es fügt sich gerade alles.


GÜNTER KLEIN

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