Mit nur 41 Jahren ganz oben: Kirsty Coventry, die neue Präsident des IOC. © Coffrini/AFP
Costa Navarino – Donald Trump? Nein, vor einer Konfrontation mit dem unberechenbaren US-Präsidenten hat Kirsty Coventry keine Angst. „Ich habe mit – sagen wir – schwierigen Männern in hohen Positionen zu tun gehabt, seit ich 20 bin“, sagte die angehende Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees cool. Die erste Frau, die das IOC in 131 Jahren anführen wird, hinterließ nicht nur mit dieser Aussage Eindruck nach ihrer Wahl am Donnerstag im griechischen Costa Navarino.
Coventry, eine Vertraute von Amtsinhaber Thomas Bach und offensichtlich auch dessen erste Wahl für die Nachfolge ab dem 24. Juni, war im (Wind-)Schatten des Deutschen oft blass und zurückhaltend. Mit ihrem triumphalen Erfolg im ersten Wahlgang gegen sechs Männer ist die 41-jährige Simbabwerin nun in die erste Reihe vorgerückt. Dass eine Frau und erstmals ein Mensch aus Afrika in gut drei Monaten das höchste Funktionärsamt im Sport bekleiden wird, sorgte durch die Bank für positive Reaktionen und weckte auch in Deutschland Hoffnungen und Erwartungen.
Internationale Medien verwendeten fast durchgängig den Begriff „historisch“ oder sprachen von einer „Zeitenwende“. Tatsächlich hatte das IOC nur drei weibliche Mitglieder, als Coventry 1983 geboren wurde, heute sind fast die Hälfte der 110 Mitglieder Frauen. Coventry bedankte sich nach ihrer Wahl ausdrücklich bei der US-Amerikanerin Anita DeFrantz, die 2001 als erste Frau in den Präsidentschaftswahlkampf gezogen war. Auch wenn der Belgier Jacques Rogge das Rennen machte, sei dies für Coventry „eine Inspiration“ gewesen.
Für sie selbst beginnt nun die Übergangsphase, ehe sie für die Geschicke des IOC hauptverantwortlich sein wird. Coventry, noch Sportministerin in Simbabwe, wird mit ihrem Mann und den beiden Töchtern nach Lausanne umziehen, wo das IOC seinen Sitz hat. Bach erklärte am Freitag, seine gewählte Nachfolgerin werde umgehend in alle wichtigen Vorgänge eingebunden, es werde „keine Entscheidung ohne die Zustimmung“ Coventrys getroffen.
Auf ihrer Agenda stehen zahlreiche Aufgaben. Aus deutscher Sicht interessant: Was hat sie mit den Olympia-Vergaben ab 2036 im Sinn? Der DOSB gratulierte artig und wird bald den Austausch suchen, um die eigenen Bewerbungsambitionen zu unterstreichen. Coventry wisse, „was es für eine erfolgreiche Zukunft des olympischen Sports braucht“, erklärte DOSB-Präsident Thomas Weikert.
Mit einem anderen Präsidenten dürfte es deutlich mehr Reibung geben: Die USA sind mit Los Angeles der Gastgeber der Sommerspiele 2028. Dass der Umgang mit Trump nicht einfach ist, haben schon einige Regierungschefs erfahren müssen. Aus Sicht des IOC gilt es, unter anderem Visafreiheit für alle qualifizierten Athleten abzusichern.
Auch muss Coventry eine Linie zu Olympia in Zeiten des Klimawandels finden oder zum kontrovers diskutierten Thema Transgender im Sport. „Wir werden die weibliche Klasse schützen“, erklärte Coventry am Donnerstag, das IOC werde unter ihrer Führung eine Task Force einsetzen.
Last but not least wurden aus Russland durch Sportminister Michail Degtjarjow Hoffnungen kommuniziert, dass die Sportnation trotz epochaler Dopingverfehlungen und des anhaltenden Angriffskriegs gegen die Ukraine unter Coventry wiedereingegliedert werden könnte. Der Ton aus dem Riesenreich gegenüber dem lange russlandfreundlichen Bach war zuletzt äußerst aggressiv, nach dem Einmarsch in die Ukraine war Russland aus der olympischen Bewegung verbannt worden.
Staatspräsident Wladimir Putin gratulierte Coventry „aufrichtig“ –und wird womöglich ebenfalls bald mit ihr im Austausch stehen.
SID