ZUM TAGE

Sage nie „Ex“ zu einem Nationalspieler

von Redaktion

Was der Fall Goretzka lehrt

Ex-Nationalspieler ist ein ganz gemeines Wort. Es klingt so objektiv, doch enthält es eine große Portion Häme. Nennt man jemanden einen Ex-Nationalspieler, schwingt darin die Abrechnung mit. Die Übersetzung lautet: Von den äußeren Umständen (Alter, vielleicht Gehaltsklasse) könntest Du Nationalspieler sein, doch Du bringst es nicht mehr.

Streng genommen ist Ex-Nationalspieler ja nur einer, der von sich sagt, dass er nicht mehr zur Verfügung stehe – zum Beispiel Sandro Wagner, als der wegen seiner Nichtberücksichtigung im erweiterten WM-Kader von 2018 beleidigt war. Aber einen weiteren solchen Fall gibt es nicht aus der jüngeren DFB-Vergangenheit. Ex-Nationalspieler wird ein Nationalspieler auch dadurch, dass er vom Bundestrainer eine verbale Ordnungsschelle bekommt wie Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng 2019. Ex-Nationalspieler blieb aber nur einer von ihnen, aus den beiden anderen wurden Ex-Ex-Nationalspieler, also wieder Nationalspieler.

Wobei sich wenige Beobachter trauten, überhaupt jemals vom Ex-Nationalspieler Müller zu sprechen. Dank des Verdienstfaktors ist solch einer dann „früherer Nationalspieler“ oder „langjähriger Nationalspieler“ – wie die anderen irgendwann offiziell abgetretenen Weltmeister auch. Da ginge dann auch das würdigende „Alt-Internationaler“. Das wendet man bevorzugt an, wenn der Beschriebene das Aktivenalter sichtbar hinter sich gelassen hat.

Klar, es gibt Zweifelsfälle. Wann etwa war Christoph Kramer Ex-Nationalspieler? Beim Co-Champion von 2014 hat man stets erwartet, dass da noch was kommt – bis er dann TV-Experte wurde. Und jetzt Schriftsteller ist. Und somit sogar Ex-Profifußballer.

Leon Goretzka ist in den vergangenen Monaten Ex-Nationalspieler genannt worden. Ihn traf die Verachtung fast wie Zoltan Sebescen, der in der Ära Ribbeck im Jahr 2000, eine Halbzeit gegen die Niederlande verteidigte, aber dabei so kläglich scheiterte, dass sein Status als Ex mit der Auswechslung manifestiert wurde.

Der Fall Goretzka lehrt: Seien wir nicht zu voreilig in den Urteilen. Der Fußball schlägt Kapriolen. Blicken wir doch einfach voller Spannung auf die Entwicklung der Derzeit-Nicht-Nationalspieler Marvin Ducksch, Mergim Berisha, Thilo Kehrer, Timo Werner, Armel Bella-Kotchap und Lukas Klostermann.

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