Triumphale Rückkehr

von Redaktion

Goretzka und Nagelsmann finden vorsichtig zueinander

Märchen-Comeback: Sein bis dato letztes Länderspiel bestritt Leon Goretzka im November 2023 gegen Österreich (0:2), bei seinem DFB-Comeback gegen Italien köpfte der Bayern-Profi das 2:1-Siegtor. © Cippitelli/dpa

Mailand – Rudi Völler übernahm den Abschirmdienst, als Leon Goretzka durch die Mixed Zone des Giuseppe-Meazza-Stadions gehen musste. Der Sportdirektor geleitete den Nationalmannschafts-Rückkehrer, der mit seinem 2:1-Siegtreffer zum Mann des Abends geworden war, nach draußen – ohne dass er von den Medien angesprochen werden konnte. „Ich weiß, was ihr ihn fragen wollt, und ihr wisst, was ihr von ihm hören wollt“, sagte Völler. Bei der ARD hatte Goretzka ein knapp zwei Minuten langes Pflichtinterview gegeben – mit der Kernaussage: „Ich glaube, es kann sich jeder vorstellen, dass es nicht so schön war, aber ich will lieber nach vorne gucken als zurück – und ich hoffe, dass es jetzt so weitergeht. Es wurde viel berichtet, ich habe wenig dazu gesagt und will es dabei belassen.“

Die Leon-Goretzka-Story im Zeitraffer: Letztes Länderspiel im November 2023, das 0:2 gegen Österreich. Nicht mehr dabei im März 2024, danach ist die Rede von neuen Rollen im Team, von verbesserter Atmosphäre drumherum. EM ohne Goretzka, Bundestrainer Nagelsmann bemüht, die, die er außen vor gelassen hat, nicht als schlechte Menschen dastehen zu lassen. Neue Saison: Bei Bayern ist Goretzka nahe an der Missachtung, schafft es meist nicht in den Spieltagskader. Obwohl Verkaufskandidat, bleibt er – und wird in der Rückrunde wieder gebraucht. Erst im Verein, nun in der DFB-Auswahl.

Dass man ihn dort gebrauchen kann, hat der 30-Jährige am Donnerstagabend in Mailand gezeigt. Er bringt Erfahrung in fast dem Maß mit, wie der abgetretene Toni Kroos sie verkörperte, ist aber jünger als Pascal Groß und Robert Andrich, die weiteren Kandidaten für die Mittelfeldzentrale. Zudem ist sein Repertoire breiter gefächert. „Er ist ein Super-Box-to-Box-Player, physisch stark und bei Kopfbällen gut“, sagt Tim Kleindienst anerkennend, für den es das erste Spiel mit Goretzka war.

Ein Vorteil ist Goretzkas Eingespieltheit mit Joshua Kimmich: In der Halbzeit vereinbarten beide, die Ecken auf den kurzen Pfosten zu schlagen (Kimmichs Job) und es auszunutzen, dass Goretzka die Italiener überspringen könnte. Kimmich: „Leon hat gesagt, in der ersten Hälfte waren die Flanken ein paar Zentimeter zu hoch.“ Goretzka gelang sein 15. Tor im 57. Länderspiel – eine Top-Quote. Julian Nagelsmann kehrte zudem die Aufräumarbeiten in der Defensive heraus und ernannte ihn zum „MVP“. Wertvollster Spieler. „Ich glaube, er hat den größten Einfluss gehabt – hinten und vorne“, sagte der DFB-Coach, Goretzka habe „ein herausragend gutes Spiel gemacht“.

Der Bundestrainer ist bemüht, dass die Beziehung zu Goretzka als ungetrübt wahrgenommen wird. Zur Diplomatie gehören Sätze wie „Leon ist ein herzensguter Mensch“ und „Es gibt einfach Menschen, die besser geeignet sind für die erste Reihe. Ich bin auch so einer.“

Nagelsmanns Kommunikation um die brisante Personalie im vergangenen Jahr war ungeschickt, doch Goretzka wird nicht nachkarten. Dafür ist es ihm zu wichtig, wieder zur Mannschaft zu gehören. Als die Hymne ertönte, gestand er, habe es ihn „mehr gepackt, als ich mir das vorher gedacht habe“.
GÜNTER KLEIN

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