Starker Rückhalt: Torwart Oliver Baumann. © Imago/Huebner
Zufrieden: DFB-Trainer Julian Nagelsmann. © Calanni/dpa
Mailand – Jetzt nicht übermütig werden, die 90 Minuten von Mailand waren „nur die erste Hälfte“. Das Viertelfinale der Nations League wird in Hin- und Rückspiel ausgetragen. Der zweite Akt findet am Sonntagabend (20.45 Uhr/RTL) statt. Deutschland führt nun 2:1, doch der erste Sieg in Italien seit 39 Jahren hebt nicht die Geschichte auf, dass man oft schon gescheitert ist an den Azzurri. Unvergessen ist das WM-Halbfinale von 2006 in – eben – Dortmund und dem Stadion, das der DFB am liebsten wählt, wenn es um etwas sehr Großes geht.
Im Fall eines Weiterkommens von Deutschland werden die beiden Halbfinals (4./5.6.), das Spiel um Platz drei und das Finale (beide 8.6.), im Modus eines „Final Four“ in München und Stuttgart ausgespielt.
Natürlich sind die Deutschen aber recht zuversichtlich, dass sie auch die zweite Partie zu ihren Gunsten gestalten können. Schließlich sind sie in der ersten gut über kritische Phasen hinweggekommen: den Rückstand bei einem italienischen Konter und insgesamt 45 Minuten, in denen man zwar das Geschehen lenkte, aber keine finale Lösung fand.
In der Halbzeitpause nahm Julian Nagelsmann Anpassungen vor. Seinerseits bedurfte es keiner besonderen Ansprache, wie er hinterher erzählte, es waren die Spieler, „die schrien, dass sie rauswollten“. Die Umstellungen hatte der Bundestrainer sachlich verkündet. Sie dienten dazu, Leon Goretzka mehr „in die Box zu bringen“, und im italienischen Strafraum sollte die Lufthoheit erobert werden. Mit Tim Kleindienst kam ein groß gewachsener Angreifer für den wuselig-kompakten Johnny Burkardt – oder wie Pascal Groß es fußballpopulärwissenschaftlich ausführte: „Ein anderes Stürmerprofil.“ Kleindienst sagte: „Es gab keine Zauberworte vom Trainer, sondern die Anweisung, was zu tun ist.“
Kleindiensts Anwesenheit im Zentrum stärkte dann auch Joshua Kimmich als Flankengeber. Das daraus resultierende 1:1 war die Wende im Spiel, das bis dahin den passiveren Italienern die besseren Chancen hatte zukommen lassen. „Genau auf diesen Ball wartest du als Stürmer“, bilanzierte der Gladbacher seinen Muster-Kopfball zum 1:1 bald nach Wiederanpfiff, „dass Jo Flanken schlagen kann, weiß man. Die Situation hat er super erkannt.“ Die Hälfte der Kopfballtore, die der Nationalmannschaft in letzter Zeit gelangen, entsprangen Flanken von Kimmich. Der meinte erfreut: „War mir gar nicht bewusst.“ Er hat sich angefreundet mit seiner Position auf der rechten Seite, die einzunehmen ihm vor einem Jahr noch eine Degradierung zu sein schien.
Weiterer Faktor neben der geglückten Umstellung zum zweiten Durchgang war die Performance von Oliver Baumann im Tor. Nagelsmann will die Entscheidung für den Hoffenheimer als vorläufig für die Italien-Spiele sehen, „dann bewerten wir neu“. Baumann sah er „Millimeter vor Alex Nübel, es war keine supersonnenklare Entscheidung“. Doch sie stellt sich als richtig dar.
„Olli tritt auf, als hätte er hundert Länderspiele“, lobte Joshua Kimmich den Schlussmann, der tatsächlich erst zum vierten Mal drankam. „Gute Entscheidungsfindung, auf der Linie top, einige Bälle unglaublich gehalten.“ Tim Kleindienst fügte an: „Auch einen von mir. Ich habe ihn geprüft.“ Dem Angreifer wäre beinahe ein Eigentor unterlaufen. Für Nübel fiel auch eine Anerkennung ab: „Er hat das gut aufgenommen“, so Nagelsmann.
Die Mannschaft hat Freude an dem, was sie tut. Das soll in Dortmund so bleiben. „Wir spüren unsere Fans im Rücken“, so Tim Kleindienst, „das soll man auf dem Platz spüren. In den Verwaltungsmodus zu schalten, wäre ein Fehler.“
GÜNTER KLEIN