Jessea Lu stellte 37 nationale Rekorde auf. © Privat
„Unglaubliche Momente“: Lu tauchte schon neben Delfinen und unter Walen. © Privat
„Es ist wie eine tiefe Meditation, alles in deinem Körper wird heruntergefahren“, sagt Jessea Lu über das Apnoetauchen. © Privat
Die Leidenschaft begann für Jessea Lu auf Hawaii. Nach einem erfolgreichen Studium und Doktortitel in der Pharmakologie tauchte die Chinesin in eine neue Welt ein: das Apnoetauchen. Mit nur einem Atemzug in die Tiefen des Meeres. Lu stellte 37 nationale Rekorde auf, gewann 15 Goldmedaillen und verlor bei einem Weltrekordversuch beinahe ihr Leben. Der Film „7 Beats per Minute“ (International Ocean Film Tour, am Sonntag, den 11.05.2025, in der Alten Kongresshalle in München) porträtiert ihr Leben. Wir haben mit der Ausnahmesportlerin gesprochen.
Jessea Lu, wie kommt man auf den Gedanken, dass Apnoetauchen das richtige Hobby für einen ist?
Die meisten waren im Urlaub schon mal im Meer, haben vielleicht schon mal Tiere unter Wasser gesehen. Mich hat der Ozean immer fasziniert, wie sich Delfine und Co. bewegen, diese Freiheit. Ich habe eine Verbundenheit zum Wasser gespürt, es hat mich hineingezogen. Die mentale Komponente beim Freitauchen ist enorm. Ich wollte herausfinden, wer ich bin. Und in dem Sport kannst du dich vor nichts verstecken. Du musst all deine Emotionen kontrollieren können. Eine noch so kleine Anspannung kann zu fatalen Folgen führen. Du musst mit dir im Reinen sein für einen sauberen und sicheren Tauchgang.
Wie fühlt sich das an, wenn man mit einem Atemzug diese Tiefen erreicht?
Es wie eine tiefe Meditation. Alles in deinem Körper wird heruntergefahren. Der Tauchreflex setzt ein. Das ganze Blut strömt in die Körpermitte, der Puls geht auf sieben Schläge pro Minute. Du musst mit einem Minimum der Körperfunktionen auskommen.
Als Kind wollten Sie unbedingt in eine Stadt ohne Winter ziehen. Jahre später unternahmen Sie dann eine Tauch-Reise in die Antarktis, warum?
Ich habe als Kind die Kälte immer gehasst. Ich wollte den Trip dazu nutzen, um meine Angst vor dem Winter zu überwinden. Und meine mentalen Grenzen auszuloten. Ich wusste, dass ich bei dem Vorhaben sterben kann. Der Körper ist nicht dafür gemacht, bei Minusgraden ohne Sauerstoff zu tauchen. Es war das härteste Abenteuer meines Lebens, noch nie hat mein Körper so gelitten. Aber es war vor allem ein persönlicher Erfolg, meine Angst zu bezwingen. Das Freitauchen hat mein Leben verändert. Es hat mir dabei geholfen, mich selbst zu heilen.
Inwiefern?
Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die mich nie unterstützt hat, die mich nie beschützt hat. Ich erinnere mich dran, wie ich als Kind einmal allein ins Krankenhaus gehen musste. Beim Freitauchen musst du dich zu 100 Prozent auf die Sicherheitstaucher verlassen können, du vertraust ihnen dein Leben an.
Beim Wettkampf „Vertical Blue“ auf den Bahamas sind Sie 93 Meter in die Tiefe getaucht, und haben dann für mehrere Minuten das Bewusstsein verloren. Eine Nahtoderfahrung.
Es ist immer noch schwierig, Worte dafür zu finden. Mein Geist war da, ich wusste, dass ich einen Blackout habe. Es hat sich aber nicht mehr so angefühlt, als würde ich in meinem Körper stecken. Das Verrückte war: Es gab keine Emotionen. Keine Angst. Keine Aufregung. Es hat sich wie ein Supercomputer angefühlt, der gerade alle Prozesse in meinem Hirn analysiert. Ich habe gar nicht wahrgenommen, dass die Leute um mich herum hektisch waren, mich zum Atmen animiert haben. Es war, als hätte ich die Situation von außen betrachtet. Die Menschen kämpften um mein Leben, aber ich war wie in Trance, es fühlte sich glücklich an. Als ich wieder voll bei mir, war es unheimlich laut. Ich spürte den Druck auf meiner Brust. Die ganze Situation war wie eine Wiedergeburt.
Auch mit Tieren haben Sie schon schöne Momente erlebt.
Da waren unglaubliche Momente dabei. Einmal ist ein Blauwal direkt über mir geschwommen. Auf so etwas kannst du einen Kopf ja auch nicht vorbereiten. Wenn du eine Massage bekommst, weißt du, wie sich das anfühlt. Aber wenn ein 30 Meter langer Gigant über dir erscheint? Wir waren jeden Tag über sieben, acht Stunden im Wasser, wussten, dass dort Wale in der Nähe sind. Und trotzdem ist das nur einmal passiert, als hätte der Wal sich diesen Moment ausgesucht. Das war einer der glücklichsten Momente in meinem Leben.
INTERVIEW
NICO-MARIUS SCHMITZ