Was können wir froh sein, in einer solch weit entwickelten und gleichberechtigten Welt zu leben. Rassismus und unterschiedliche Behandlung der Geschlechter gehören der bemitleidenswerten Vergangenheit an, auch Sexismus findet keinen Platz mehr in der Gesellschaft. Schöne Gedanken, doch nun wird es Zeit, aus dem schönen Traum aufzuwachen und der Realität in ihre hässliche Fratze zu blicken.
Der Sport soll verbinden, bildet jedoch bei den genannten Beispielen leider keine Ausnahme. Zuschauer mit sexistischen Gedanken sind in Fußballstadien keine Seltenheit. Letzte Woche Tatort Verl. Fans des Gastvereins Rot-Weiss Essen beleidigen Schiedsrichterin Fabienne Michel mit ekelhaften Gesängen aufs Übelste. In einem der Lieder wird die talentierte 30-jährige Spielleiterin zu sexuellen Handlungen aufgefordert, nur um einmal das Niveau einzuordnen.
Der Aufschrei bei einer derart widerlichen Aktion ist riesig. Aber stopp, da sind wir wieder im Wunschtraum angelangt. Tatsächlich nämlich war das Thema beinahe eine Woche lang kaum an die Öffentlichkeit gelangt, ehe ein ausführlicher Bericht der Sportschau für Wirbel sorgte. Nun – eine Woche (!) – nach dem Vorfall ermittelt auch der DFB, hat Rot-Weiss Essen zu einer Stellungnahme aufgefordert. Längst überfällig.
Weder lustig noch akzeptabel
Doch auch eine öffentliche Entschuldigung von RWE-Vertretern wird das Problem nicht lösen. Es muss noch stärker in die Köpfe der Menschen hinein, dass derartige Gesänge in der großen Gruppe auch nicht nach vermeintlichen Fehlern „akzeptabel“ oder „lustig“ sind, sondern Menschen aufs Übelste verletzen und mentale Konsequenzen nach sich ziehen können. Um das zukünftig zu verhindern, sind mehrere Parteien gefordert. Die Vereine, die ihre Fans noch öfter und noch vehementer daran erinnern müssen, was Anstand im Fußballstadion bedeutet. Die Verbände, die derartige Entgleisungen größerer Fangruppen härter bestrafen müssen. Jeder einzelne Stadionbesucher, der beim Äußern homophober, sexistischer oder rassistischer Parolen, Haltung zeigen sollte. Auf Social Media wird die Aktionen von vielen Außenstehenden als „typisch Fußballfans“ abgestempelt. Jeder einzelne Sportliebhaber hat die Möglichkeit, dazu beizutragen, das Gegenteil zu beweisen.