An Journalistenschulen wird gelehrt, man solle nicht von den „Größten aller Zeiten“ sprechen. Weil: Wir kennen nur die Zeiten bis zur Gegenwart, und es kommen weitere Zeiten. An diesen Grundsatz mussten wir rund um die Rekordjagd im nordamerikanischen Eishockey denken, wo der Russe Alexander Owetschkin Wayne Gretzky, den „Größten aller Zeiten“, bei den Toren überbot. Die allgemeine Ansicht bleibt, dass es einen besseren Eishockeyspieler als Gretzky noch nicht gegeben hat, doch wenn der wichtigste seiner 55 Rekorde gefallen ist, kann das auch bedeuten, dass eines Tages ein Spieler übers Eis gleitet, der noch großartiger ist.
Gretzky selbst hat gesagt, das sei normal. Sport entwickelt sich, und noch jeder vermeintliche Endpunkt war eine Zwischenstation. Im Eishockey glaubte man mal, Gordie Howe stehe für Vollkommenheit – dann kam mit Wayne Gretzky ein Typ Spieler, von dem man nicht geahnt hatte, dass es ihn geben könnte. Gretzky hat Recht: Geschichte ist im Sport immer weitergeschrieben worden. Wir brauchen uns nur umzusehen.
Bob Beamons Jahrhundertweitsprung hielt als Rekord nur 23 Jahre. Wir wuchsen auf mit Björn Borg und seinen fünf Wimbledon-Erfolgen als Maßstab im Tennis – was Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic, obwohl sie sich eine Ära teilen mussten, übertrafen. Wir dachten, eine größere Show könne es in der Leichtathletik nicht geben als Sergej Bubka im Stabhochsprung – doch nun, Ladies and Gentlemen: der noch fabelhaftere Armand Duplantis. Wir hatten Mark Spitz mit seinen sieben Schwimm-Goldmedaillen von München, doch im Rückblick ist er lediglich der beste Schwimmer aller Zeiten mit Schnauzbart und Stars-and-Stripes-Badehose, weil Michael Phelps in einer weltweit viel schärferen Konkurrenzsituation ein Mehrfaches an Olympiasiegen sammelte. Der Mensch generiert immer mehr Wissen, er trainiert klüger, er erfindet besseres Material. Wir sollten davon ausgehen, dass in dieser Saison die Marathon-Elite in ihren High-Tech-Schuhen die zwei Stunden knackt. Und eine 1:59-Zeit wird noch nicht das Ende der Entwicklung sein.
Es erfüllt uns mit Wehmut, verliert ein lange bestehender Rekord seine Gültigkeit. Doch man kann damit wider Erwarten doch umgehen. An der Wertschätzung für Gerd Müller hat sich letztlich nichts geändert, weil Robert Lewandowski in einer Saison ein Tor mehr schoss. Mark Spitz war unendlich cool, Björn Borg eine Ikone. Und auch Wayne Gretzkys Gesamtwerk bleibt ein Monument. Er war der Beste seiner Zeit. Sie ist abgeschlossen, und eine andere Wertung kann es gar nicht geben. Guenter.Klein@ovb.net