ZUM TAGE

Netzer, halb ausgeleuchtet

von Redaktion

Der Fußball-Popstar

Am Montagabend ist mit großem Brimborium, 300 Ehrengästen, Tränen der Rührung und allem Pipapo die multimediale Sonderausstellung „NETZER – DIE SIEBZIGERJAHRE“ über den „ersten Popstar des deutschen Fußballs“ im Dortmunder Fußballmuseum eröffnet worden. Schon die Großbuchstaben demonstrieren, dass sie im Museum fast platzen vor Stolz, den einstigen Nationalspieler als Stilikone zu inszenieren. Und es stimmt ja sogar: Wenn Günter Netzer sich seinerzeit den Ball zum Freistoß hinlegte, ihn dabei noch zwei-, dreimal streichelte und dann humorvoll in den Winkel drosch, war das kein profaner Schuss, sondern: ein Kunstwerk.

Und klar, es gibt unzählige Geschichten über den Mann mit der blonden Mähne und der Schuhgröße 47, der mit den Mönchengladbacher Fohlen so anscheinend spielerisch leicht über die bräsigen Bayern hinweghüpfte: Netzer mit großen Schritten durchs Mittelfeld laufend, den Kopf höher als alle anderen auf dem Platz, ein Feldherr des Fußballs, Pässe in die Tiefe des Raumes, natürlich nicht mit Vollspann, sondern „aus dem Fußgelenk“, wie es in längst überholtem Fußballvokabular früher heißen durfte.

Dazu Netzer an der Bar seiner Diskothek, der „Lovers Lane“, in der er Anfang der 1970er Jahre selbst der berühmteste Stammgast war und Leute wie Alt-Bundestrainer Sepp Herberger, Schauspielerin Elke Sommer und Schlagersänger Udo Jürgens persönlich begrüßte. Das ikonische Bild von Netzer, sich lässig auf dem Kühler seines roten Ferrari flätzend; das große Günter-Netzer-Spiel für Deutschland gegen England in Wembley, ein historisch anmutender 3:1-Sieg im Frühjahr 1972 als Geburtsstunde einer erstaunliche Leichtigkeit verbreitenden deutschen Nationalmannschaft; später die Karriere im königlich-weißen Trikot von Real Madrid.

Es gibt also einiges zu belobigen. Ja, Netzer hat den Profifußball mit seiner vor Lässigkeit strotzenden Attitüde aus der Schmuddelecke in die Hochglanzpresse verschoben. Auch danach, als HSV-Manager zur Zeit der größten Erfolge der Hanseaten und später als ARD-Experte, hat er Großes geleistet. Im TV vor allem an jenem Abend, als er den damaligen Teamchef Rudi Völler mit seiner Analyse zum 0:0 in Island im Spätsommer 2003 derart reizte, dass dieser sich zwei, drei Minuten lang vergaß und so für den spektakulärsten Moment deutscher Fußballunterhaltung seit Erfindung des Farbfernsehens sorgte.

Weniger gut ausgeleuchtet sind Netzers Aktivitäten als Medienmanager. Er war bestens vernetzt und spielte als „Reitender Bote“ eine bedeutende Rolle im sogenannten Sommermärchenskandal um Schmiergelder vor der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Zur Aufklärung hat der inzwischen 80-Jährige, längst ausgewandert ins Niedrigsteuerland Schweiz, bedauerlicherweise bisher keinen einzigen Mäuseschritt beigetragen.

Eine Ladung als zur Wahrheit verpflichteter Zeuge vors Frankfurter Landgericht lehnte er zunächst über seine Anwälte ab. Ende April sollte er dank Schweizer Rechtshilfe für die deutsche Gerichtsbarkeit per Videovernehmung aussagen müssen. Ob es dazu nun noch kommen wird, nachdem ein vorzeitiges Ende des Prozesses absehbar ist? Gut möglich, dass Netzer, der große Schweiger, sein Denkmal halb ausgeleuchtet ohne lästige Fragen bewahren wird.

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