Ein letztes Mal San Siro?

von Redaktion

Neubau und Schluss mit Magie: Stadionpläne spalten Mailand – „Uhr tickt“

Hat Angst um sein „Büro“: Journalist Tancredi Palmeri rechnet mit dem Neubau. © privat

Kulisse San Siro: Unter anderem Karl-Heinz Rummenigge genoss die Auftritte (hier 1984) im Inter-Trikot. © imago

Ein Mythos – seit 1926: Das Giuseppe-Meazza-Stadion im Mailänder Ortsteil San Siro gilt als Fußball-„Oper“. © IMAGO/Furlan

Mailand – Der letzte Auftritt ist gelungen. Keinen Monat ist es her, dass Leroy Sané, Leon Goretzka, Joshua Kimmich und der derzeit verletzte Jamal Musiala im Giuseppe-Meazza-Stadion aufgelaufen sind. 60 334 Zuschauer waren am Mailänder Abend dabei, als die vier Bayern im Trikot der deutschen Nationalmannschaft Italien mit 2:1 besiegt haben, man sprach nach diesem Erfolg freilich von einer „magischen Nacht“. Das galt in diesem Fall aus deutscher Sicht für das Ergebnis auf dem Platz, aber es gilt in diesem Stadion, das man so schön als „La Scala del calcio“ (deutsch: Das Opernhaus des Fußballs) bezeichnet, sowieso immer.

Das San Siro ist von einem Mythos umgeben, den auch das Team von Vincent Kompany im Rückspiel des Champions-League-Viertelfinals an diesem Mittwoch genießen sollte. Denn mit Blick auf bisher vier Auftritte gegen Inter im größten Stadion Italiens seit 1988 lässt sich leicht ausrechnen, dass der nun kommende womöglich der letzte für den deutschen Rekordmeister sein könnte. „Sie wollen mein Büro abreißen“, sagt Tancredi Palmeri, zum Lachen ist dem renommierten Journalisten (u.a. Sportitalia TV, CNN, Gazzetta) dabei nicht zumute, im Gegenteil. Die Pläne der beiden Mailänder Clubs Inter und AC sind ausgereift: Läuft alles wie von den Eigentürmern erhofft, befindet sich die Spielstätte San Siro derzeit in ihrem letzten Akt. Das Giuseppe-Meazza-Stadion nähert sich langsam aber sicher seinem Verfallsdatum.

Nach vier großen Umbaumaßnahmen und 100 Jahren (Baujahr: 1926) soll Schluss sein, ein Neubau für anderthalb Milliarden Euro ist angedacht. Und allein die Vorgeschichte zeigt, wie sehr die Pläne die Stadt spalten. Seit Jahren steht das Projekt zur Debatte, nun, wo der zweite Tribünenrang 70 Jahre nach seiner Fertigstellung im Juli diesen Jahres zum Kulturgut werden würde, „tickt die Uhr“, sagt Palmeri. Drei Monate bleiben noch, um das Gelände der Stadt abzukaufen und über US-amerikanische Investmentsfonds ein San Siro 2.0 zu errichten. Vorbild: Juventus Turin, das 2011 neu gebaut hat und seitdem neun Mal Meister wurde.

„Die Leute hier denken, neue Infrastruktur bringt Geld. Und Geld bringt Erfolg“, sagt Palmeri. Was in der simpel klingenden Formel aber vergessen wird: „Dass die Magie des San Siro einmalig ist.“ Palmeri, 44, hat vier Europa- und vier Weltmeisterschaften miterlebt, zwei Mal die Copa America begleitet, aber über das Stadion in seiner Wahlheimat sagt er: „Jeder, der hier das erste Mal ist, ist geschockt.“ Im positiven Sinne. „In Nächten wie jener, die nun auch am Mittwoch ansteht, ist dieses Stadion mit keinem anderen zu vergleichen.“

In München spricht man gerne vom Champagner-Publikum, in Mailand sagt man, man müsse sich für das Spektakel fast einen Smoking anziehen. Und trotzdem wird es laut, sehr laut. „Die Fans fallen hier fast aufs Feld. Sie werden schreien und singen.“ Gänsehaut ist innen garantiert, Eindruck macht das Stadion aber schon von außen. Palmeri ist sich sicher: „Würde man in 100 Städten der Welt 100 Bilder vom San Siro verteilen: Jeder würde es erkennen.“ Die elf spiralförmigen Treppentürme alleine sind einmalig: „Neben dem Dom ist das unser zweites Wahrzeichen.“

Vielen Mailändern blutet das Herz. Aber vielleicht gibt es im letzten Akt ja noch eine Art Extra-Magie. Bisher hat Bayern im San Siro gegen Inter immer gewonnen. Diesmal, sagt Palmeri, „stehen die Chancen bei 60:40 für uns.“ Vielleicht wäre es nach einem Sieg gegen die Unbezwingbaren leichter, den Vorhang fallen zu lassen. Auch wenn es dann, wenn nach der Eröffnung der Olympischen Spiele 2026 mit dem Bau begonnen und wohl ab 2031 im neuen Prunkbau gespielt wird, so sein wird „wie überall sonst“.
HANNA RAIF

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