Fußball wird bekanntlich von hinten erzählt. Oft entscheiden ein paar Zentimeter über Sieg oder Niederlage, Aus oder Weiterkommen, Glück oder Frust. Hätte Thomas Müller in der 55. Minute seinen Abschluss aus 14 Metern ins Tor und nicht darüber gesetzt und somit das 2:0 erzielt, wäre der FC Bayern vielleicht ins Halbfinale eingezogen und an dieser Stelle stünde ein Kommentar, der das zweite „Wunder von Mailand“ bejubelt.
Hat er aber nicht. Der Ball von Müller flog über den Kasten und der FC Bayern somit folgerichtig aus der Champions League. Das ist bitter, weil der Rekordmeister sichtlich gekämpft hat und dem Comeback nach der Führung durch Harry Kane kurz ganz nah war. Auch nach dem 2:2 durch Eric Dier kam nochmal Hoffnung auf, am Ende hat es aber nicht gereicht.
Vor allem tut dieses Ausscheiden aber weh, weil es so vermeidbar gewesen ist. Trotz der vielen Verletzungsausfälle (Manuel Neuer, Alphonso Davies, Dayot Upamecano, Jamal Musiala und Hiroki Ito) war der FC Bayern gegen Inter über 180 Minuten ein ebenbürtiger Gegner, mit etwas mehr Spielglück wäre das Halbfinale gut möglich gewesen. Allein im Hinspiel schoss der Rekordmeister schließlich 20 Mal aufs Tor, erzielte daraus aber nur einen Treffer. Zum Vergleich: Inter reichten zehn Schüsse für zwei Tore.
Also alles nur Pech? Nicht ganz. Dieses Ausscheiden kommt mit langer Anlaufzeit. Denn über die gesamte Saison hinweg spielte der FCB zwar teils berauschend, verlor in den entscheidenden Situationen aber scheinbar schlicht das Glück. Wer Spitzenteams wie Real Madrid, Manchester City oder eben Inter Mailand verfolgt, weiß aber: Regelmäßige knappe Erfolge sind kein Glück, sondern Können. Standards, die eigene Chancenverwertung oder die Fähigkeit, Führungen über die Zeit zu bringen, lassen sich trainieren.
In der Bundesliga reicht für den FC Bayern seine spielerische Dominanz und die eigene individuelle Qualität, um trotz dieser Mängel den Großteil seiner Spiele zu gewinnen. In der Champions League wird aber jede Unsicherheit bestraft – die zwei Standardtore von Inter haben genau das bewiesen. Jetzt braucht es eine schonungslose Analyse, die vor niemandem im Verein Halt macht.Vinzent.Tschirpke@ovb.net