SERIE: LORANTS WILDES LEBEN

„Ich will Lorant! Aus! Basta!“

von Redaktion

Wie Wildmosers Wille das Löwen-Wunder schuf

Feierbiester: Lorant mit Thomas Seliger. © imag

Dreamteam: Der Präsident und sein Trainer. © Imago

Lorant-Casting überstanden: Niels Schlotterbeck.

Womit alles begann: Mit diesem Personal startete Lorant sein Kapitel 1860. © imago

Hoch die Tassen: Unter Werner Lorant gab es bei den Löwen viel zu feiern. Er „befreite“ 1860 aus der Bayernliga. © Imago

München – Juni 1992. An der Grünwalder Straße war nach dem Abstieg aus der 2. Liga mal wieder Tristesse pur angesagt. Das Eingangstor und die Hauswände am Trainingsgelände des TSV 1860 waren von hämischen Fans des Lokalrivalen über Nacht mit hunderten Bayern-Stickern beklebt worden – alles rot bei den Blauen, wohin man auch blickte. Aufräumarbeiten waren angesagt, auch was den Kader betraf. Und ein neuer Trainer musste ebenfalls her. Der erst frisch gewählte Präsident Karl-Heinz Wildmoser hatte sich recht schnell auf einen Nachfolger von Karsten Wettberg festgelegt. „Ich will den Lorant“, sagte er. „Aus. Basta.“

Der damals 43-jährige ehemalige Bundesligaspieler war zwei Jahre zuvor mit Schweinfurt 05 in die 2. Liga aufgestiegen und ein Jahr später mit Viktoria Aschaffenburg Bayernliga-Meister geworden. Wildmoser: „Der weiß, wie`s geht.“

Allerdings verschwieg ihm Lorant, dass er bereits einen Vertrag bei Borussia Fulda unterschrieben hatte. Wildmoser war außer sich vor Wut, aber da er sich Lorant auf Teufel komm raus als neuen Trainer eingebildet hatte, zahlte er der Borussia einen gehörigen Batzen Geld, damit diese nicht mehr auf den Vertrag bestand. Das Gehalt des neuen Trainers im Monat: 12 000 Mark. Nicht schlecht für einen Bayernliga-Coach in damaligen Zeiten.

Als Lorant schließlich zum ersten Training in einem Cabrio vorfuhr, das seine besten Tage schon hinter sich hatte, fand er eine Mannchaft vor, an der es noch einiges zu basteln galt. Ins Trainingslager im österreichischen Lienz wurden daher sieben Testspieler mitgenommen, einen Tag später folgten noch drei Südamerikaner. Zwei Argentinier und ein Brasilianer wurden eingeflogen, aber die hatten nicht viel Lust auf Training, sondern wollten nach der langen Reise erst mal richtig ausschlafen. Lorant schickte sie sofort wieder heim. Von den Testspielern entsprach nur einer seinen Ansprüchen: Niels Schlotterbeck.

Irgendwann hatte Lorant seine Truppe beinander und startete mit sechs Siegen und zwei Unentschieden in die Bayernliga-Saison. Easy going – so schien es. Lorant nahm das Ganze auch recht locker. Vor dem Abendspiel gegen die SpVgg Weiden traf er sich nachmittags mit ein paar Journalisten auf eine Mass auf der Wiesn und fragte seinen ebenfalls anwesenden Vorgänger Karsten Wettberg: „Du sag mal. Worauf muss ich denn gegen die aufpassen?“ Keine schlechte Spielvorbereitung – Lorants Löwen gewannen 3:0.

Irgendwann wurde es dann aber holprig. Im März 93 verlor der TSV zwei Heimspiele hintereinander gegen solch „Großmächte“ wie Memmingen und Starnberg. Kaum zu glauben, aber wahr: Nach der Pressekonferenz des Spiels gegen Starnberg stand er auf dem Flur, hielt einen seiner beiden Söhne fest im Arm und hatte Tränen in den Augen! Am Abend bot er Karl-Heinz Wildmoser seinen Rücktritt an, aber der winkte sofort ab: „Nix da. Du steigst mit uns auf!“

So kam es dann auch. Die Löwen wurden Meister und setzten sich auch in der Aufstiegsrunde als Erster durch. Zwei Siege und vier Unentschieden reichten.

Ein perfektes Wochenende rund um das letzte Heimspiel gegen Ulm (1:1) war es für den Trainer dennoch nicht. Lorant feierte am Freitag, zwei Tage vor dem Spiel, im Löwenstüberl und in der „Goldenen Kanne“ (ein Lokal in Harlaching) schon mal kräftig vor und wurde bei der Heimfahrt in der Grünwalder Straße von der Polizei gestoppt. Zu viel Promille, der Führerschein war für neun Monate weg.

Was soll‘s? Karl-Heinz Wildmoser stellte Lorant einen Chaffeur zur Verfügung, außerdem wurde sein Vertrag für die 2. Liga auf 25 000 Mark monatlich verdoppelt. Zwei Wunsch-Stürmer gab‘s obendrauf: Peter Pacult und Bernd Winkler. Lorant blies zum Angriff auf die Bundesliga.

Auch wenn es nicht auf Anhieb klappte. Zum Saisonstart gab es gleich ein 0:4 in Rostock. Mit drei Toren eines gewissen Olaf Bodden. Der Angreifer hatte am Abend zuvor die Löwen noch in deren Hotel besucht, und als Lorant ihn sah, sagte er geringschätzig: „Der kann doch gar nix.“ Hin und wieder lag halt auch ein Werner Lorant daneben.

Nach dem gründlich misslungenen Auftakt allerdings verloren die Löwen keins der folgenden acht Spiele (darunter ein 4:1 gegen den hohen Aufstiegsfavoriten VfL Bochum), die Euphorie an der Grünwalder Straße wurde von Spiel zu Spiel größer. Lorant hatte es geschafft, Spieler, die einst als höchstens bayernligatauglich galten, zu Top-Zweitliga-Kickern zu formen. Absolute Fitness war die Grundvoraussetzung dafür und für die sorgte der Löwen-Trainer natürlich wie kein anderer seiner Kollegen. Lorant nannte man ja inzwischen nicht umsonst „Werner beinhart“.

Das Ende ist bekannt. Die Löwen stiegen durch ein 1:0 am letzten Spieltag beim SV Meppen auf, Lorant durfte sich ab sofort Bundesliga-Trainer nennen. Und seinen Führerschein hatte er inzwischen ja auch wieder.
CLAUDIUS MAYER

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