Nicht realisiert: die Stamford Bridge des FC Chelsea.
Ein Tempel ganz in Weiß mit „klassizistischer Eleganz“: das Stade Matmut-Atlantique in Bordeaux. © herzogdemeuron
Die Fans denken oft traditionell. © IMAGO/Koller
Herzogs Heimatstadion: Der St. Jakob-Park des FC Basel.
Eines von Herzogs ikonischen Babys: Die Allianz Arena in München. © IMAGO/Sandra Altkuckatz, herzogdemeuron
Star-Architekt Jaques Herzog. © STEFANxAREND/imago
Zirkuszelt: So soll die neue Mega-Arena von Manchester United aussehen. © Manchester United
In Manchester soll das legendäre Old Trafford einer Mega-Arena weichen, in Mailand steht sogar das ikonische San Siro vor dem Aus. Immer häufiger werden im Fußball altehrwürdige Stadien durch moderne Hightech-Tempel ersetzt. Doch was geht dabei verloren? Stararchitekt Jacques Herzog vom Büro Herzog & de Meuron – den Schöpfern der Allianz Arena und Planern der kontrovers diskutierten Paketpost Türme – spricht im Interview mit unserer Zeitung über die Zukunft des Stadionbaus und erklärt, warum die Sportstätten auch heute noch echte Sehnsuchtsorte sind.
Herr Herzog, in welche Richtung entwickelt sich der Stadionbau?
Der Fußball wird immer kommerzieller. Es ist enorm viel Geld im Spiel und es wird immer mehr Spektakel erwartet. Die Frage ist: Wie weit will und kann man da mitgehen? Sollte ein Verein nicht seine eigene DNA behalten? Für mich als Architekt ist das zentral.
Was denken Sie?
Mit der zunehmenden Kommerzialisierung, den Shopping-Erlebnissen drumherum, dem Digitalen, dem Virtuellen – all dem – wird das Erlebnis zunehmend austauschbar. Diese Erlebniswelten gleichen sich. Und das ist eigentlich nicht im Sinne der Fans.
Mit anderen Worten: Fans wollen gar keine „Eventarchitektur“?
Ja. Ich gehe regelmäßig zum Fußball in Basel. Und ich spüre da eine starke, lebendige Fankultur – ähnlich wie bei Bayern. Die Fans empfinden oft relativ „altmodisch“, wenn man das so sagen darf. Sie wollen ihre eigene Welt. Ihre eigene Kultur. Und dazu gehört eben auch die Architektur.
Das widerspricht dem Trend zu immer spektakuläreren Arenen.
Genau. Und das ist auch unser Ansatz als Architekten: Wir versuchen immer, eine sehr spezifische Lösung zu finden – unverwechselbar, ortsbezogen. Das war bei der Allianz Arena so, aber auch in Basel.
Manchester United will das Old Trafford aufgeben und ein gigantisches Stadion bauen, das einem Zirkuszelt ähnelt.
Wenn man darüber nachdenkt, frage ich mich: Ist das überhaupt möglich, dort etwas so Unverwechselbares zu schaffen? Oder ist das schon zu sehr von einem generischen Konzept überformt? Das müsste man sich genau anschauen – auch, was der Ort hergibt.
Das Gelände dort soll zu einem riesigen Entertainment-Areal umgebaut werden – Pommes und Bier im Stadionumfeld statt vorher im Pub in der Stadt. Ist das zukunftsweisend?
Ich verstehe das schon – wirtschaftlich ist das attraktiv. Aber das ist ein bisschen, wie wenn man das Münchner Oktoberfest dauerhaft ins Stadion verlegen würde.
Wie schafft man es, den Charme der alten Heimat zu bewahren – und trotzdem ein modernes Stadion zu bauen?
Es ist schwierig, das pauschal zu beantworten. Aber ich kann sagen, wie wir das in München gelöst haben: Wir haben einen besonderen Ort geschaffen. Die Allianz Arena ist ein freistehendes Objekt – man sieht sie schon vom Flugzeug aus. Ein Leuchtkörper, der inzwischen ein Wahrzeichen der Stadt geworden ist. Wenn ein Verein lange und erfolgreich in einem Stadion spielt, wird es Teil seiner DNA.
Ihre Stadion-Projekte für den FC Chelsea und in Bordeaux zeigen sehr unterschiedliche Konzepte.
Ja, Chelsea wäre etwas völlig anderes geworden – fast wie Hogwarts, das Harry-Potter-Schloss. Aus Backsteinbögen, verwinkelt, kompakt. Es war eine sehr ortsspezifische Idee für Stamford Bridge. Leider wurde sie nicht realisiert.
Und Bordeaux?
In Bordeaux dagegen haben wir ein Stadion mit klassizistischer Eleganz gebaut – weiße Stützen, leicht, fast französisch in seiner Haltung. Ich finde, das sind die Kathedralen unserer Zeit. Früher waren es Kirchen und Opernhäuser – heute sind es Stadien. Und so behandeln wir sie auch.
Wie wichtig ist ein markantes Design?
Ich bin da etwas skeptisch. Viele Clubs und Investoren denken beim Stadionbau vor allem an den Wow-Effekt. Aber das führt nicht automatisch zu guter Architektur. Wir haben Ikonen gebaut – etwa die Elbphilharmonie oder das Nationalstadion in Peking – aber die sind immer aus dem spezifischen Ort heraus zu verstehen. Es gibt Gebäude, die einen Spektakelfaktor haben: Eine Achterbahn oder ein riesiger Springbrunnen. Ich finde das nicht unbedingt schlecht. Aber es ist dann eher Disney World als Architektur.
Wird das Stadion der Zukunft ein Megakomplex mit Freizeitparkcharakter?
Ich glaube an die Verbindung von Architektur und Kommerz – aber man muss das bewusst gestalten. Sonst verselbstständigt sich die Architektur. Dann baut man einen noch höheren Turm ans Stadion, weil man etwas „Spektakuläres“ braucht. Das finde ich dann wenig interessant.
Das San Siro in Mailand wird, angelehnt an das Opernhaus, auch „La Scala del Calcio“ genannt– warum sind Stadien auch heute noch Sehnsuchtsorte?
Weil die Clubs eine unglaubliche Anziehungskraft haben. Die Bindung zu den Clubs und den Fans ist das, was diese Orte lebendig macht. Ohne die Fankurven wäre Fußball bloß ein Event. Mit ihnen aber entsteht Magie. Diese Leidenschaft ist es, was ein Stadion zu einem Ort der Sehnsucht macht. Deshalb sind sie weit mehr als nur Architektur – sondern wie Tempel oder eben Opernhäuser.
Darf man solch ikonische Stadien wie das San Siro überhaupt abreißen?
Das ist eine gute Frage. Als wir die neue Stamford Bridge planten, gab es die Alternative, ganz woanders hinzugehen. Die Fans haben aufbegehrt – das war unmöglich. Der Ort musste erhalten bleiben, gleichsam wie ein Phönix aus der Asche neu entstehen. Ich bin grundsätzlich für Umbauten. Auch aus ökologischen Gründen.
Und aus kultureller Sicht?
Das San Siro an sich ist ja kein schönes Stadion. Die Anfield Road in Liverpool übrigens auch nicht. Aber beide haben eine unglaubliche Magie. Und genau deshalb wäre es nicht unbedingt sinnvoll, so etwas einfach aufzugeben.
Sie haben mal gesagt, Schönheit hat eine „Wahrnehmungsenergie“. Was bedeutet das bei einem Stadion?
Das ist schwer zu definieren. Jeder empfindet Schönheit anders. Aber wenn ein Ort dich berührt, dich innehalten lässt – dann hat er Energie. Architektur kann das. Sie kann den Blick verändern, die Wahrnehmung. Und genau das ist mein Anspruch.
Die Allianz Arena in München gilt als Ikone moderner Stadionarchitektur. Wie blicken Sie heute auf „Ihr“ Stadion, das im Sommer mit der Nations League und dem CL-Finale wieder im Fokus der Weltöffentlichkeit stehen wird?
Ich war kürzlich dort. Ich finde, es ist eine tolle Arena. Sie funktioniert als Ganzes, hat etwas sehr Klassisches. Man sitzt sehr nah am Spielfeld. So war das übrigens schon beim Kolosseum in Rom. Natürlich gibt es jetzt neue digitale Screens, andere Anforderungen. Aber die Arena selbst – da sehe ich keinen Verbesserungsbedarf. Das Umfeld – die große Esplanade vor der Arena – lässt sich weiterentwickeln.
Sind Sie stolz auf die Allianz Arena?
Ich bin froh, ja. Aber Stolz ist nicht das richtige Wort. Ich habe große Freude, wenn ich an der Arena vorbeifahre. Ich bin häufig im Taxi und frage dann die Fahrer: Das ist schon ein toller Ort, nicht wahr? Wer hat das denn gebaut? Da kam dann schon die Antwort: Jo mei, des woarn a boa Österreicher. Da musste ich dann doch lachen. Sie sehen: der Architekt ist wichtig und zugleich unwichtig.
Abschließend: Welches Stadion beeindruckt Sie persönlich am meisten?
Das eigene in Basel. Weil ich mich davon emotional nicht loslösen kann. Fußball ist am Schluss immer noch Fußball. Das sollte immer Vordergrund stehen. Und die Architektur muss das unterstützen – als Raum für das Erlebnis.
INTERVIEW: JOHANNES OHR