Blutleer statt beinhart

von Redaktion

Heimpleite gegen Essen – ausgerechnet am Tag der Lorant-Huldigungen

Zum Wegschauen: 1860-Trainer Patrick Glöckner. © Sampics

Noch einmal für seine Löwen gestreckt, hier vergeblich: Der wechselwillige Torhüter und Fanliebling Marco Hiller. © Sampics

Der verstorbene Kulttrainer überstrahlt alles: Fanbanner für Werner Lorant. © Sampics / S. Matzke

München – Was er wohl zu diesem Auftritt gesagt hätte? „Werner Lorant“ schallte es ein letztes Mal von den Rängen, als sich die 1860-Profis nach dem Schlusspfiff vor der Westkurve versammelten. Mit 1:3 (0:0) hatten die Löwen das Traditions-Duell mit Rot-Weiss Essen verloren, und auch wenn die Würdigung des verstorbenen Kulttrainers im Mittelpunkt stand – Kondolenzbuch, Schweigeminute, Trauerflor, T-Shirts mit Lorant-Konterfei –, die Leistung, die die Heimelf bot, passte nicht zu dieser 90-minütigen Hommage, bei der von den Fans auch einige der berühmten Lorant-Sprüche auf Bannern gezeigt wurden. Zum Beispiel: „Ich wechsele nur aus, wenn sich ein Spieler ein Bein bricht.“ Man ahnt, dass ein blutleerer Auftritt wie am Samstag zu Lorants Zeiten nicht folgenlos geblieben wäre.

Der Gegner dagegen, auch ein Ex-Verein von „Werner Beinhart“: bissig, griffig und voller Leidenschaft. Gemäß einer alten Lorant-Maxime – über den Kampf ins Spiel – schnürten die Rot-Weissen die Weiß-Blauen mit Beginn der zweiten Halbzeit in der eigenen Hälfte ein. Müsel (65.), Mizuta (69.) und Safi (82.) erzielten folgerichtig drei schöne Treffer, die nur 1860-Kapitän Jesper Verlaat angemessen beantwortete – mit dem zwischenzeitlichen 1:2 (79.). Überhaupt war Verlaat wie schon in Rostock ein einsamer Lichtblick in einer 1860-Elf, die mit Erreichen des Minimalziels Klassenerhalt jede innere Spannung verloren hat.

Auch Torhüter Marco Hiller, um den sich Abschiedsgerüchte ranken, konnte sich noch ein paarmal auszeichnen, ehe sich später sogar die Berufsfeuerwehr aufstellte, um noch ein paar Selfies mit dem Fanliebling zu schießen. Hiller war der letzte Löwe, der den Rasen verließ. Außer den Spielern des Gegners, die eindrucksvoll die allerletzten Zweifel am Ligaverbleib beseitigt hatten. „Nie mehr Regionalliga“, stand auf einem Banner, den der stimmgewaltige Gästeblock aufgehängt hatte. Davor feierten die RWE-Profis, die sich mit dem Segen des Trainers auf eine feuchtfröhliche Klassenerhaltsparty einstimmten. Bezeichnend was Uwe Koschinat über den verletzten Torschützen Torben Müsel sagte. „Ach“, spielte er den wehen Fuß herunter, der zu Müsels Auswechslung geführt hatte: „Das ist nichts, was man sich nicht nachher wegsaufen kann.“

Das hätte Lorant gefallen. Aufseiten der Löwen dagegen waren hinterher sogar die Ausreden schwach. Etwa die von Trainer Patrick Glöckner, der den Spannungsabfall seiner Spieler menschlich vertretbar fand. „Man muss auch mal respektieren, wenn der Gegner ein Spiel gewinnt“, sagte er: „Wir hatten zuvor fünf Heimspiele in Folge gewonnen. Dass da mal ein Spiel dabei ist, das nicht in die richtige Richtung geht, muss man akzeptieren.“

Ob Glöckner den Löwen als Trainer erhalten bleibt – dazu gab es auch am Samstag keine erhellenden Auskünfte. Nicht mal zu Marco Hiller, der Gerüchten zufolge ein abgespecktes Angebot zur Vertragsverlängerung ausgeschlagen hat. Aus Sicht der Presse war es am Samstag der falsche Hiller, der in die Mixed-Zone geschickt wurde: Felix Hiller, der Multimedia-Beauftragte des Vereins. Schon bei der ersten Frage zu seinem Bruder, gerichtet an Tim Danhof, grätschte der Pressebeauftragte dazwischen, sodass es bei der Auskunft blieb, dass Danhof den Torhüter für einen „guten Kollegen“ hält. Ähnlich vage urteilte später auch Philipp Maier, als er zur Zukunft von Glöckner befragt wurde. „Die Ergebnisse unter ihm sprechen für sich“, lautete die Antwort des Sechsers.

Verlaat, der Kampflöwe, sprach das passende Schlusswort: „Wir wollen vernünftig in die Sommerpause gehen. Für die Gemütslage wäre es extrem scheiße, wenn man es hintenraus jetzt einfach so fortlaufen lässt.“ Ganz im Sinne von Werner Lorant, dessen Werte die Löwen unbedingt mit in die neue Saison nehmen sollten.
ULI KELLNER

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