München – Der Weg zum Profifußball ist für junge Talente ein Balanceakt zwischen Schule, Training und dem ständigen Leistungsdruck. Doch nicht nur die Jugendlichen stehen unter Belastung – auch die Eltern sind gefordert und wurden lange Zeit kaum beachtet. Der sportpsychologische Berater und Buchautor Achim Frommann will das ändern: Mit seiner Agentur Deutsche Sporteltern unterstützt er Familien auf dem herausfordernden Weg zum Profisport.
Der neue Dokumentarfilm über Thomas Müller thematisiert die Veränderungen für Familien, wenn ein Kind im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) spielt. Wie geht man als Eltern damit um, wenn nur noch über dieses Kind gesprochen wird?
Das ist ein sehr spannendes Thema. Wenn ein Kind im NLZ eines Profi-Vereins spielt, wird die Familie von außen oft nur noch auf dieses Kind reduziert. Wir haben das selbst erlebt. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich plötzlich nur auf das Kind, das im Fokus steht, und nicht mehr auf die anderen Familienmitglieder. Man muss lernen, damit umzugehen, besonders wenn noch andere Kinder in der Familie sind.
Ihr Sohn Constantin hat im NLZ des SC Freiburg gespielt. Was sind die größten Herausforderungen für Eltern in dieser Zeit?
Eine der größten Herausforderungen ist definitiv das Zeitmanagement. Viele Eltern unterschätzen, wie viel Zeit der Leistungssport in Anspruch nimmt, sei es für Trainings, Spiele oder Turniere. Das erfordert eine komplette Umstellung der eigenen Lebensplanung. Darüber hinaus wird das soziale Leben der ganzen Familie stark beeinflusst, da private Ereignisse und Freizeit oft dem Leistungssport untergeordnet werden müssen.
Welche typischen Fehler machen Eltern in dieser Situation?
Viele Eltern machen unbewusste Fehler, weil sie keine Erfahrung haben. Sie wissen oft nicht, dass der Leistungssport langfristige Konsequenzen für das Kind und die ganze Familie hat. Eltern sind plötzlich in einer neuen, anspruchsvollen Situation und müssen sich an vorgegebene Strukturen anpassen – an Trainer, Spielpläne und vieles mehr. In vielen Fällen haben sie wenig Verständnis für die Grenzen und Anforderungen, die der Leistungssport mit sich bringt.
Was kann dagegen unternommen werden?
Eltern müssen sich frühzeitig darauf einstellen, dass das Familienleben sich stark verändert. Sie müssen flexibel sein und bereit, ihre eigenen Pläne an den Leistungssport anzupassen. Das betrifft sowohl die Freizeitplanung als auch die finanzielle Organisation. Es ist wichtig, dass sie diese Veränderungen gemeinsam als Familie akzeptieren und gut miteinander kommunizieren, um den Druck auf alle Beteiligten zu minimieren.
Sie möchten mit Ihrer Agentur Eltern in dieser Situation helfen.
Genau. Die Motivation kam aus unserer eigenen Erfahrung als Eltern im Fußball und Leistungssport. Über Jahre hinweg haben wir gesehen, wie wenig Unterstützung Eltern in Nachwuchsleistungszentren erhalten – es mangelt an Angeboten, Ansprechpartnern und klaren Strukturen. Da wurde mir klar, wie wichtig es ist, Eltern zu helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen und sie im komplexen System des Leistungssports zu unterstützen.
Schließlich werden Eltern häufig von Trainer oder Verantwortlichen bewusst auf Abstand gehalten.
Viele Vereine erkennen noch nicht, wie wertvoll die Eltern als Ressource sind. Eine ganzheitliche Entwicklung eines Spielers erfordert die Einbindung des sozialen Umfelds, also auch der Familie. Vereine sollten Eltern als Partner sehen und sie in den Prozess einbeziehen. Eine gute Kommunikation zwischen Verein und Familie ist entscheidend.
Sie unterstützen aber nicht nur die Eltern, sondern auch die NLZ. Wie genau funktioniert das?
Wir bieten ein zweigleisiges Angebot. Einerseits arbeiten wir direkt mit Eltern zusammen, die Unterstützung suchen. Andererseits entwickeln wir gemeinsam mit den Verantwortlichen in verschiedenen Sportarten Konzepte für Elternarbeit und Elternmanagement. In der Regel arbeiten wir mit Pädagogen, Sportpsychologen, Trainern und Scouts zusammen, um Elternarbeit professionell zu gestalten und zu strukturieren.
Gemeinsam mit dem Internationalen Fußball Institut (IFI) bieten Sie ein Seminar zu diesem Thema an.
Richtig. Elternmanagement im Leistungssport wird bisher in keiner Weiterbildung oder Qualifizierung berücksichtigt – weder in der Trainerausbildung noch in Zusatzqualifikationen im Bereich Scouting oder Sportpsychologie. Daher haben wir ein praxisorientiertes Angebot entwickelt, um Verantwortliche in diesem Bereich gezielt zu schulen.
INTERVIEW: FREDERIC RIST