Lichtblick: Mit seinem Treffer zum 1:3 lässt Ulrik Saltness Bodø hoffen. © Traylen/IMAGO
Bodø – Eine solche Jubelexplosion hatte das leidgeplagte Tottenham-Hotspur-Stadium lange nicht mehr erlebt. Als Ulrik Saltnes in der 83. Minute den Ball ins Netz der Gastgeber knallte, gab es im Auswärtsblock kein Halten mehr. Mitglieder der „Den Gule Horde“ (gelbe Horde), wie sich die Fans des norwegischen Clubs FK Bodø/Glimt nennen, schlugen sich erst ungläubig die Hände über den Kopf – und brüllten anschließend die komplette Arena zusammen. Dabei hatte ihr Fotballklubben gerade nicht zum Sieg getroffen, sondern lediglich den Ehrentreffer zum 1:3-Endstand erzielt. Und doch bedeutete dieser Moment weit mehr als nur ein Tor.
Zwar hatte die Erfolgsstory des norwegischen Clubs bei der Pleite im Halbfinal-Hinspiel in der Europa League bei Tottenham einen Dämpfer erhalten. Doch dank Saltnes Treffer richtete sich der Blick schnell wieder nach vorne. Die Hoffnung fürs Rückspiel am Donnerstag (21 Uhr) in Norwegen – und damit auch auf das Finale in Bilbao – lebt weiter. Oder im Fall von Bodø: Sie Glimt!
„Wir müssen einfach voll angreifen, denn wir liegen zwei Tore zurück. Es hat keinen Sinn, zurückzuschauen, sondern nur nach vorne“, sagte Ulrik Saltness.
„In Bodø ist alles möglich“, sagt auch Sascha Mockenhaupt im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Verteidiger, der aktuell mit dem SV Wehen Wiesbaden um den Klassenerhalt in der 3. Liga kämpft, spielte 2016 als erster und bislang einziger Deutscher für Glimt. „Ich habe unglaublich viel gelernt – auf dem Platz, aber auch darüber hinaus“, schwärmt Mockenhaupt.
Denn die Geschichte dieses Außenseiters, der als erstes norwegisches Team überhaupt das Halbfinale der Europa League erreicht hat, ist eine besondere. Zu den Fakten: Zwischen 2005 und 2017 steigt Bodø, nördlich vom Polarkreis gelegen, dreimal ab und wieder auf. Als klassische Fahrstuhlmannschaft kämpft der Club jahrelang gegen den Abstieg. Doch 2019 gelingt überraschend die Vizemeisterschaft – der Auftakt zu einer beispiellosen Erfolgsgeschichte.
Unter Trainer Kjetil Knutsen, der auf intensives Pressing in einer 4-3-3 Formation setzt, gewinnt Glimt 2020, 2021, 2023 sowie 2024 die norwegische Meisterschaft. Eine Stadt mit nur 50 000 Einwohnern in der Diaspora – plötzlich auf der großen Fußballlandkarte. Wie ist das möglich?
„Das Fundament ist die konsequente Nachwuchsarbeit“, erklärt Mockenhaupt. „Spieler wie Patrick Berg, Jens Petter Hauge, Frederik Bjørkan und Ulrik Saltnes standen schon zu meiner Zeit dort im Fokus“. Hinzu kommt eine klare Transferpolitik. Geld für externe Spieler wird nur ausgegeben, wenn auf einer Position kein Talent aus der eigenen Akademie nachrückt. Dazu bleibt der Club seiner Spielphilosophie konsequent treu. „Jeder, der zu Glimt kommt, weiß, worauf er sich einlässt. Das macht es gerade für neue Spieler – besonders für Ausländer wie mich damals – viel einfacher“, sagt Mockenhaupt. Schnell habe er gemerkt, dass im hohen Norden andere Regeln gelten als im oft gnadenlosen deutschen Profifußball.
„Die Lebensweise, die Einstellung der Menschen, das hat mich wirklich geprägt“, berichtet Mockenhaupt. Fußball sei dort nicht der Mittelpunkt des Lebens, es herrsche eine bemerkenswerte Gelassenheit. Der Club sei „eine eingeschworene Gemeinschaft, fast wie eine große Familie“.
Und zwar wortwörtlich. „Mit dem Sportdirektor, dem Trainer und dem Co-Trainer war ich mal auf einem Angelausflug. In Deutschland wäre das sofort ein Aufreger gewesen. In Bodø war es einfach ein schöner, gemeinsamer Tag“, erinnert sich der Verteidiger. Zwischendurch muss der 33-Jährige sogar als Nachhilfe-Lehrer unterstützen. „Der Trainer hat mich nach einer Niederlage gefragt, ob ich seinem Sohn nicht bei den Deutsch-Hausaufgaben helfen könne. Da hatten wir gerade das Pokal-Halbfinale verloren, ich hatte deshalb einen Riesenhals. In Bodø gehört das aber einfach dazu“, lacht Mockenhaupt. Die besondere Chemie spüre man auch im Stadion.
8200-Fans-Stadion ist Europa-Bollwerk
In das Aspmyra, direkt am Meer gelegen, passen nur 8200 Zuschauer. Gespielt wird wegen der oft arktischen Kälte auf Kunstrasen. Vor dem Hinspiel im Viertelfinale gegen Lazio Rom war so viel Schnee gefallen, dass erst durch den Einsatz vieler Helfer der Platz freigeräumt werden konnte. Das Aspmyra ist Bodøs Bollwerk. 30 der letzten 37 Europapokal-Partien bestritt der Club dort erfolgreich. Auch deshalb braucht sich der Verein vor Tottenham nicht zu verstecken. „Das Stadion kann ein großer Faktor sein“, sagt Mockenhaupt. „Man spürt sofort, dass viele der Zuschauer eine persönliche Beziehung zu den Spielern haben. Entweder sie sind verwandt, waren mit ihnen in der Schule oder haben sie von klein auf begleitet. Fehler werden verziehen, es gibt kein Raunen bei einem Ballverlust“.
Doch es sind nicht nur die eigenen Fans, die den Provinzclub anfeuern. Zum Rückspiel haben sich Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit und Prinz Sverre Magnus angekündigt. Schneefall ist für Donnerstag zwar nicht angesagt. Dennoch sollte sich Tottenham warm anziehen. „Es ist einfach etwas Krasses. Du brauchst zwei Flüge dorthin, weil es nur eine Verbindung über Oslo gibt. Dann der Kunstrasen, die Bedingungen – das ist einfach eine andere Welt“, warnt Mockenhaupt. „Bodø kann zu Hause auch große Teams wegbügeln. Natürlich ist Tottenham ein anderes Kaliber, aber unmöglich ist das nicht.“ Sein Tipp: „Verlängerung! Dort fällt dann der Siegtreffer für Bodø.“
Der Jubel der gelben Horde wäre dann kaum noch zu bändigen.
JOHANNES OHR