„Was bei 1860 möglich wäre . . .“

von Redaktion

Meisterlöwe Hansi Reich über die Erfolge von einst

„Es lohnt nicht, sich über 1860 zu ärgern“: Meisterlöwe Hansi Reich beim Interview mit Sportredakteur Uli Kellner. © Sampics

München – Wohl dem, der eine große Vergangenheit hat, wenn die Gegenwart bestenfalls kleine Ziele bereithält. Am Samstag treten die Löwen beim SC Verl an (14 Uhr) – es gilt, dem Spannungsabfall in der 3. Liga zu trotzen. Vier Tage später wird es dann feierlich an der Grünwalder Straße. Unter dem Motto „60 Jahre Wembley“ lässt der Verein seine Europacup-Helden von 1965 hochleben. Unsere Zeitung traf vorab Hansi Reich (82), den immer noch sehr fitten Meisterlöwen aus Waldperlach. Ein Interview über gute und schlechte Zeiten bei seinem TSV 1860.

Herr Reich, das Saisonende naht – und das einzige Ziel, das 1860 bleibt, ist ein einstelliger Tabellenplatz in der 3. Liga. Was denkt sich da ein Meisterlöwe?

Dass es schade ist, wenn man sich vorstellt, was Sechzig für ein Renommee hat, wie viel insgesamt möglich wäre. Man muss die Fans bewundern, die sich das seit Jahren antun.

Wie intensiv verfolgen Sie denn noch den Verein, für den Sie 19 Jahre die Knochen hingehalten haben?

Vom Verein haben wir eine Ehrenkarte, was ich toll finde. Gegen Aachen neulich war‘s trotzdem kein Genuss. Links ein Torwart, rechts ein Torwart – und in der Mitte stehen sich dann 20 Mann auf den Füßen. Wie im Kindergarten! Wozu ist das Spielfeld 90 Meter lang, wenn ich den Platz nicht nutze? Über den Sieg habe ich mich gefreut, aber spielerisch war‘s eine Katastrophe.

Zuletzt gab es immerhin auch positive Schlagzeilen. Freuen Sie sich, dass in Kevin Volland ein bei 1860 ausgebildeter Nationalspieler zurückkehrt?

Das hat mich wirklich riesig gefreut! Ich war schon immer ein Fan von Volland und habe nie verstanden, dass man ihn damals so früh verkauft hat. Typisch Sechzig, dass man für so einen Spieler kein Geld hatte. Volland ist ein ehrlicher Kämpfer, ein Beißer, der das Herz am rechten Fleck hat. Es spricht für seinen Charakter, dass er zurückkommt und mit Sechzig noch mal was reißen will.

Dann bleiben wir gleich bei den Erfolgsmeldungen. Patrick Glöckner, der im Eiltempo den Klassenerhalt geschafft hat, steht vor einer Vertragsverlängerung. Eine richtige Entscheidung?

Er ist mit Sicherheit besser als die Schlaftablette vor ihm. Was mir zu denken gibt, sind die letzten drei Spiele. Da muss er doch eingreifen, das kann er doch nicht so laufen lassen! Mein Gefühl ist, dass der Kader zu groß ist, dass da noch immer keine Einheit auf dem Platz steht – obwohl es teilweise keinen schlechten Fußballer sind.

Wer aus dem aktuellen Team erwärmt denn das Herz eines Meisterlöwen?

Auf jeden Fall der Hiller. Den hätte ich ja niemals gehen lassen. Hab ich eh nie verstanden, dass man einen 35-jährigen Vollath aus Unterhaching holt, auch noch Ablöse für ihn zahlt – und Hiller dann ein halbes Jahr auf die Bank setzt. Ohne seinen Fehler gegen Haching wäre Vollath heute noch im Tor! Hiller, Verlaat, Guttau, auch der Deniz – das sind Spieler, auf die man bauen kann.

Und ihr Namensvetter Lukas Reich, den Sie vor einem Jahr beim Treffen mit unserer Zeitung kennengelernt haben?

Ein super Junge, der bei mir immer spielen würde. Aber rechts hinten, was er kann – und niemals woanders. Albert Sing (1967/68) wollte mich auch mal gegen den HSV als Linksaußen aufbieten. Hab ich zu ihm gesagt: „Da können Sie gerne selber spielen, aber ich bin Verteidiger.“ Dass ich auf einer Position aushelfe, wo ich nur alt aussehen kann, muss ich mir nicht antun. Lukas braucht einfach seine Spiele und das Vertrauen, denn schwimmen lerne ich nur, wenn ich im Wasser bin – und nicht am Beckenrand.

Kommen wir zum Jubiläum „60 Jahre Wembley“, das am Mittwoch in der Alm gefeiert wird. Wie vermeidbar war die 0:2-Niederlage gegen West Ham?

Sehr vermeidbar! Patzke fiel hinten aus, den konnten wir schwer ersetzen. Und vorne hat Merkel Fredi Heiß aufgestellt, obwohl er nur zu 50 Prozent fit war. Leider hatten auch Grosser und Brunnenmeier nicht ihren besten Tag. Schade, denn den Titel hätten wir auf jeden Fall gewinnen können.

Immerhin gab es ein Jahr später die Meisterschaft zu feiern. Was müsste passieren, damit 1860 mal wieder annähernd auf dieses Niveau kommt?

1976 habe ich meine zweite Frau kennengelernt und zu ihr gesagt: Bevor Sechzig wieder mal was erreicht, gehe ich in Rente. Jetzt bin ich seit fast 50 Jahre mit ihr beieinander – und schon lange in Rente. Leider hatte 1860 immer ein Führungsproblem, dazu kommt der ewige Streit. Schade, aber es lohnt nicht, sich über 1860 zu ärgern – das ist mir irgendwann bewusst geworden.


INTERVIEW: ULI KELLNER

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