TISCHTENNIS

„Ziemlich surreal“

von Redaktion

Annett Kaufmann über Erwartungen, Taylor Swift & Timo Boll

„Die Kirsche auf der Sahnetorte“, sagt Annett Kaufmann über die Erfahrungen in Paris. © Instagram

EM-Bronze gab es im Mixed mit Patrick Franziska. © IMAGO

Grandiose Vorstellung: Annett Kaufmann führte das Team ins Halbfinale. © Lau/Imago

Bei den Olympischen Spielen hat sich Annett Kaufmann ins Rampenlicht gespielt. Was ist seitdem passiert? Unser Interview mit der 18-jährigen vor der Tischtennis-WM (17-25.5).

Frau Kaufmann, Deutsche Meisterin im Einzel und Doppel, Olympia-Debüt, Junioren-Weltmeisterin, Bronze bei der Europameisterschaft und zwischendurch noch das Abitur … Haben Sie schon realisiert, was 2024 alles passiert ist?

2024 war schon ziemlich surreal. Ich hätte mir das nicht besser ausmalen können. Eigentlich war das Abitur in dem Jahr der größte Meilenstein. Dann kamen diese ganzen sportlichen Erfolge noch dazu, damit hätte ich so nicht gerechnet … Olympia war schon eine Sensation und die Kirsche auf der Sahnetorte. Die Anfragen für Interviews, Podcast oder Jubiläumsfeiern halten immer noch an. Das andere Thema ist die gestiegene Erwartungshaltung von außen. Ich muss da aber ehrlich sagen, dass es mich relativ wenig interessiert, was andere von mir erwarten. Ich musste vor allem für mich selbst lernen, dass es nicht gut ist, wenn ich diese hohen Erwartungen habe. Ich glaube es wird schwer, dieses Jahr irgendwann überhaupt mal zu toppen (lacht). Aber ich blicke sehr positiv in die Zukunft.

Eigentlich waren Sie für die Olympischen Spiele nur Reservespielerin, und führten das Team als Nummer 1 dann plötzlich bis ins Halbfinale.

Auch unter diesen Umständen haben wir wirklich eine sensationelle Leistung geliefert. Wir haben mit zwei Ersatzspielerinnen gespielt. Natürlich wollte man sich am Ende mit der Medaille belohnen und denkt sich: Das ist jetzt ein bisschen bitter. Aber allein der Halbfinaleinzug war schon großartig, darauf können wir sehr stolz sein. Ich bin sehr dankbar, dass ich das erleben durfte. Wir hätten auch das erste Spiel verlieren können und Olympia wäre vorbei gewesen. Dann hätte ich nicht so viel dazu gelernt. Ich merke, wie sehr mir diese Erfahrungen geholfen haben und immer noch helfen.

Werden Sie nun häufiger nach Selfies gefragt?

Die Leute sind manchmal zu schüchtern, um mich anzusprechen (lacht). Aber ich merke diese Blicke, wenn mich jemand erkennt. Ob in meiner Stadt Bietigheim, in Zügen oder auf Veranstaltungen, das ist auf jeden Fall mehr geworden. Mich freut es, wenn Fans nach Fotos fragen und ich ihnen etwas zurückgeben kann.

Sie sind 18 Jahre und nun die Hoffnungsträgerin des deutschen Tischtennis. Wie gehen Sie damit um?

Mir macht das nichts aus. Generell brauche ich keine Aufmerksamkeit von außen, nicht diesen Mediatrubel. Aber, wenn ich diese Repräsentationsfigur sein kann, mache ich das gerne. Ich habe keine Angst vor Kameras, ich rede gerne. Ich strahle meine authentische Seite aus. Ich will diese Kluft zwischen erfolgreichem Sportler und Zuschauer minimieren. Wir sind alle nur Menschen und gehen in dem Sinne alle auf dieselbe Toilette (lacht). Ich bin einfach ich selbst, das klappt sehr gut. Im Endeffekt geht es darum, dass wir durch verschiedene Erfolge und Ausrufezeichen Werbung für Tischtennis machen können. Wer dann im Endeffekt die Repräsentationsfigur ist, ist eigentlich wurscht.

In einem Beitrag für das aktuelle Sportstudio hat Timo Boll sehr positiv über Sie gesprochen, traut Ihnen den Sprung in die Top-10 zu.

Mich hat das sehr gefreut, dass unsere Tischtennis-Legende aus Deutschland tiefes Vertrauen in mich hat und glaubt, dass ich es in die die Top-10 schaffen kann. Das glaube ich auch. Es freut mich, dass jemand, der selbst jahrelang in diesen Sphären unterwegs war, mich dort sieht. Aber im Endeffekt muss diese Motivation aus einem selbst kommen und das ist bei mir so. Ich bin ehrgeizig und habe den Biss. Ich bin zuversichtlich, dass ich mit meinem eigenen Weg alles schaffen werde, was ich mir vornehme. Er wird als Legende natürlich absolut fehlen. Er hat alles erreicht. Auch wenn ich noch am Anfang der Karriere stehe, weiß ich um die Hürden, die es auch als Leistungssportler gibt. Ich gönne ihm, dass er jetzt sein Leben so leben kann, wie er möchte. Er war DIE Repräsentationsfigur für unseren Sport. Wenn man auf die Straße gegangen ist und gefragt hat „Kennt ihr Timo Boll“, konnten das auch Menschen bejahen, die eigentlich nichts mit Tischtennis zutun haben. Das versuche ich zu erreichen. Dass das nicht nur mit Timo funktioniert, sondern mit dem ganzen Tischtennis-Sport. Dass man wie beim Fußball Namen aufzählen kann, die erfolgreich und gut sind, zu denen die Leute eine Verbindung haben.

Die WM steht an, haben Sie konkrete Ziele?

Mein Jahr bislang war solide. Kein sensationelles Jahr, aber auch kein Katastrophen-Jahr. Ich konnte viel lernen und habe den Rhythmus gefunden, wie und wann ich wie intensiv trainieren muss. Die Auslosung bei der WM ist nicht auf meiner Seite gewesen, Erwartungen habe ich eigentlich keine. Ich will Punkt für Punkt spielen und gebe mein Bestes. Das Wichtigste werden die Erfahrungen sein, die ich gegen die besten Spieler der Welt sammeln werde.

Wie schalten Sie mal ab vom Sport?

Als Swiftie sind da natürlich auch besonders oft Lieder von Taylor Swift dabei, das motiviert mich vor Spielen. Zum Abschalten rede ich am liebsten mit meinen Freunden, weil die sowieso keine Ahnung von Tischtennis haben (lacht).


INTERVIEW: NICO-M. SCHMITZ

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