Thomas Müller wird eine Lücke hinterlassen. © IMAGO/Ulmer
Pumpen auch auf Ibiza: Josip Stanisic (v.l.), Aleksandar Pavlovic und Leon Goretzka.
München – Das Leben von Thomas Müller befindet sich seit Samstag 15.15 Uhr im Schleudergang. Abschied auf dem Rasen, 81 Minuten Spielzeit, Meisterfeier, Privat-Sause, ein paar Stunden Schlaf, ehe es am Sonntagmorgen direkt nach Ibiza ging. Zwischen Party, Palmen und dem einen oder anderen Bier ist auch dort wenig Zeit zu reflektieren. Nicht für Müller selbst – und auch nicht für die zwölf mitgereisten Kollegen, die der am Ende der Saison scheidende Rekordspieler des FC Bayern in seiner Abschiedsrede explizit angesprochen hatte. Und zwar ganz bewusst, wohlüberlegt.
Mit den Worten „wir können positiv in die Zukunft schauen“ hatte er vor 75 000 Arena-Besuchern jene Passage eingeleitet, die nachdenklich stimmte. Müller blickte sich in das Spalier, das sich um ihn gebildet hatte, er sagte: „Ich sehe ganz viele junge, hungrige Spieler, die ihr Herz geben für den FC Bayern. Wir sind gut aufgestellt.“ Aber er fügte dennoch einen Appell an alle hinterher, „die in den nächsten Jahren hier sind: Reißt Euch den Arsch auf! Das ist was Größeres, als ihr Euch vorstellen könnt.“ Übersetzt: Es ist eine Ehre, für diesen Verein zu spielen. Und zwar an jedem einzelnen Tag.
Müller weiß, wovon er spricht, er hat 25 Bayern-Jahre und somit mehr als 9000 Tage bei diesem Verein hinter sich. Und auch wenn der 35-Jährige sofort wieder in den gewohnte Hallodri-Modus schaltete, hallten die Worte nach. Zu Manuel Neuer etwa, der seinen Kumpel „jetzt schon vermisst“ und offen zugab: „Kommunikativ ist er der wichtigste Spieler, den wir je hatten, wenn nicht sogar der wichtigste. Er wird uns fehlen.“ Der Kapitän klang nicht ganz euphorisch, als er sagte: „Wir müssen versuchen, das aufzufangen. Auch der Verein weiß im Hinterkopf, dass Thomas fehlen wird.“
In der Tat ist das Thema intern präsent. Schon seit zwei Spielzeiten hat man sich darauf verständigt, bei Neuzugängen neben der sportlichen Eignung die charakterliche stärker zu gewichten. Hat ein Spieler „Mia-san-Mia-Tauglichkeit“ – oder hat er sie nicht? So sind auch die Worte zu interpretieren, die Sportvorstand Max Eberl am Samstag wählte. „Wenn solche Charakterköpfe die Bühne verlassen, dann gilt es, Nachfolger zu finden. Nicht nur extern, auch intern. Es müssen andere in die Bresche springen. Und dann müssen wir schauen, was daraus wird.“
Neuer sieht „die Spieler, die auch viel Erfahrung haben und länger dabei sind“ ab sofort „in einer größeren Rolle“. Sprich: Neben sich selbst vor allem Joshua Kimmich. Fragt man bei den Bossen nach, werden oft die Namen der zwar oft präsenten, aber rhetorisch noch vergleichsweise schwachen Jungstars Jamal Musiala, Aleksandar Pavlovic und Alphonso Davies genannt. Sie sollen und müssen zu Gesichtern und Wortführern werden. Dass neben ihnen aber diverse andere – unter anderem Leroy Sané und Michael Olise – öffentliche Auftritt scheuen, hat man auch registriert. Gut ankommen tut es nicht.
Olise ist da ein gutes Beispiel. Auf dem Platz liefert der Neuzugang verlässlich, daneben aber tauchte er nach seinem wortkargen Auftritt bei seiner Vorstellung im Sommer so gut wie komplett ab. Ob es Unsicherheit ist, die Sprachbarriere oder Coolness? Nach Informationen unserer Zeitung ist es zumindest im Laufe der Saison schon vorgekommen, dass andere Profis für ihn in die Bresche springen mussten, weil Interviews mit Olise kaum verwertbar waren. Er muss nicht gleich ein „Radio Müller“ werden. Aber daran arbeiten sollte er schon.
H. RAIF, M. BONKE, V. TSCHIRPKE