Sein Werk: Die Schale wurde fast nebensächlich, als der Kakadu ins Spiel kam. © dpa
Premiere: Kompany genoss den Rathaus-Auftritt. © dpa
Gemeinsam gewinnen: Kompany sieht sich als Teil eines funktionierenden Ganzen. © Weller/dpa
München – Der „Große Sitzungssaal“ des Rathauses war am Sonntag so voll besetzt, dass selbst einer der wichtigsten Männer dieses Tages nicht bis zur Bühne durchkam. So mussten zwar OB Dieter Reiter und Präsident Herbert Hainer auf dem Empfang für die Meister-Bayern regelrecht nach Vincent Kompany suchen. Aber der Coach hatte fernab der Kameras im hinteren Teil des Prunksaales Zeit für das Einzige, was ihm im Leben wichtiger ist als der Fußball. Immer wieder gab er seiner Frau Carla ein Bussi auf den Kopf, herzte seine Kinder Sienna, Kai und Caleb, lächelte seinen Papa Pierre an. Ein echter Familienmoment – mit stolzen Augen von allen Beteiligten.
Kompany, der Ehemann, Papa, Sohn und Bayern-Angestellte ist also nun offiziell „Meister-Trainer“. Und trotzdem, so sagte der 39-Jährige, bevor er seine Premiere auf dem Balkon sichtlich genoss, ändere sich für ihn ab sofort genau „nichts“. Er und seine „Jungs“ seien seine ganze Premierensaison „ruhig geblieben. Das gibt mir auch Vertrauen für die Zukunft.“ Ihm ist egal, dass nur Pep Guardiola mehr Punkte (90) holte als er in seiner ersten Spielzeit als Bayern-Trainer (82). Kompany weiß, was hinter den geschlossenen Türen an der Säbener Straße los ist – und er spürt, was ihm auch aus den oberen Etagen der Geschäftsstelle attestiert wird: dass er geschätzt wird und ein Klima geschaffen hat, auf dem sich große Erfolge aufbauen lassen. Das konnte lange kein anderer Bayern-Coach von sich behaupten.
Regelrecht „klick“ gemacht habe es zwischen Trainer und Mannschaft, sagt Thomas Müller. Ein besonders gutes Beispiel: Kompanys Umgang mit der viel diskutierten Ibiza-Reise, sie unterstreicht seinen Führungsstil. So ist auch das Grinsen zu erklären, mit dem er die Reporter am Sonntag fragte: „Ihr wärt doch auch alle gerne mitgeflogen, oder?!“ Wer selber Spieler war, weiß, wie Profis ticken, er weiß, dass kleine Auszeiten guttun (und dass auch mal ein Kakadu zur guten Stimmung beiträgt). So gab es auch den Nicht-Nationalspielern Abstellperioden auffallend lang frei. Nach Auswärtsspielen dürfen die Profis zudem direkt dorthin weiterreisen, wo sie gerne ihren freien Tag verbringen wollen.
Maßnahmen wie diese erklärt er gerne bereitwillig. Intern aber kommt besonders gut an, dass Kompany sich von der Öffentlichkeit nie treiben lässt und generell nicht kritisch über einzelne Spieler trifft. Für die Fragensteller ist das oft unbefriedigend, für das Binnenklima aber mehr als förderlich. Zumal der Coach die Kommunikation in den eigenen Reihen genauso hält. Harsche Kritik übt er in Einzelgesprächen, nie vor dem gesamten Team. Schlechte Beispiele – wie Thomas Tuchel – kennt er genug. Sein Credo: „So etwas darf uns nie passieren.“ Man gewinnt und verliert zusammen.
Der Ex-Führungsspieler Kompany ist Kabinen-Profi. Sie müssen nicht nur harmonisch sein, aber sie müssen funktionieren. Von Geldstrafen hält er nichts, den Katalog hat er abgeschafft. Dafür müssen Zu-Spät-Kommer so lange wie er an der Säbener Straße bleiben – und das kann sich ziehen. Denn Kompany tüftelt lang über seinem Spielstil, der zwar riskant, aber im Team und unter den Fans beliebt ist. Das Ergebnis: Mal Kritik hier und da. Selten aber hat man aus Spielerreihen so wenig schlechte Stimmen über einen Trainer gehört.
Die erste Hürde ist genommen, die Ziele klar. Die Champions-League-Saison war unterdurchschnittlich, das Pokal-Aus schmerzte, nicht immer war das Bayern-Spiel attraktiv. Daher ist es nur gut, dass Kompany seinen Einsatz im Festsaal trotz Schmuserei nicht verpasste. Als der Applaus für ihn abgeebbt war, sagte er: „More to come“ – „es kommt noch mehr“.
H. RAIF, P. KESSLER