GIRO

Das Stehaufmännchen

von Redaktion

Van Aert kann noch siegen – in Rosa fährt ein Mexikaner

Noch nicht der Alte, aber auf einem guten Weg: Wout van Aert. © Paolone/dpa

Berlin – Es musste wohl Siena sein. Welch besseren Ort hätte das Schicksal Wout van Aert für das Happy End seiner filmreifen Comeback-Story wählen können? Auf der Piazza del Campo ging einst sein Stern als Straßenradprofi auf, nun lag der Belgier auf den alten Steinplatten des Hauptplatzes der Stadt und hielt sich als Etappensieger des Giro d’Italia die Hände vors Gesicht – völlig ausgepumpt, überwältigt und doch überglücklich.

„Siena ist ein besonderer Ort für mich, und ich bin ein emotionaler Mensch“, sagte van Aert: „Orte wie dieser motivieren und inspirieren mich. Ich habe das Gefühl, dass es einfach so sein sollte.“

Auf der neunten Giro-Etappe, die teils über die berühmten weißen Straßen der Toskana führte, hatte der 30-Jährige den 50. Profisieg seiner Karriere gefeiert. Nach neun Etappensiegen bei der Tour de France und drei Tageserfolgen bei der Vuelta siegte van Aert erstmals bei der Italien-Rundfahrt. Die Statistiken interessierten van Aert aber nur am Rande. „Es war aus vielen Gründen ein emotionaler Sieg“, sagte der Star des Teams Visma-Lease a Bike.

Van Aert befindet sich in der vielleicht kompliziertesten Phase seiner Karriere. Eine schwere Knieverletzung von der Vuelta 2024, bei der er drei Etappen gewann, warf ihn weit zurück. Im Frühjahr griff van Aert bei den Klassikern wieder an, war in direkten Duellen mit Weltmeister Tadej Pogacar und Mathieu van der Poel aber chancenlos. Vor dem Giro bremste ihn eine Erkrankung aus.

Super-Allrounder Van Aert, der dreimalige Cross-Weltmeister und ehemalige Gewinner des Grünen Trikots der Tour de France, schien das Siegen verlernt zu haben. Der Druck und die Kritik, speziell in seiner radsportverrückten belgischen Heimat, wuchsen. Wout van Aert – ein Fahrer der Vergangenheit?

Seine Zweifler strafte er am Sonntag Lügen. Auf dem steilen Anstieg zur Piazza del Campo hängte er mit einem Angriff wie in alten Zeiten den mexikanischen Jungstar Isaac del Toro, den neuen Träger des Rosa Trikots, ab. „Es ist nicht schwer zu behaupten, dass dieser Sieg mir sehr viel bedeutet“, so van Aert. Er sei, sagte van Aert dann noch vor dem zweiten Ruhetag am Montag, nicht an seinem früheren Top-Niveau angelangt. Die Richtung aber stimmt.

In Mexiko bejubeln sie währenddessen del Toro, der als erster Landsmann in der 116-jährigen Geschichte den Giro d‘Italia anführt. „Als Kind wollte jeder dieses Trikot tragen, und nun habe ich es. Das ist unglaublich für mich“, sagte der 21-Jährige, der erst seine zweite große Rundfahrt bestreitet. Beim Giro war del Toro nur als Helfer für die UAE-Stars Juan Ayuso oder Adam Yates vorgesehen. Nun hat er bereits mehr als eine Minute Vorsprung auf seine beiden Kollegen, auf den slowenischen Topfavoriten Primoz Roglic (Bora), der am Sonntag stürzte, sind es gar 2:25 Minuten.
SID

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