Endlich wieder gefordert sein

von Redaktion

Volleyball-Ass Johannes Tille wechselt nach Polen – Nationalteam in München

Privates Glück: Tille mit Ehefrau Cilla. © Instagram

München – Am Sonntag hat Johannes Tille eine lange Reise vor sich. Rund sieben Stunden lang wird der noch relativ frisch gekürte deutsche Volleyball-Meister quer durch die Republik reisen. Von der Hochzeit eines Kollegen in Bocholt zur Rückkehr der deutschen Nationalmannschaft nach München. Da ist es vielleicht doch ganz gut, dass der gebürtige Mühldorfer nur Stargast ist – dass er nicht selbst mittun muss, beim Kräftemessen mit Weltmeister Italien.

Wobei: Natürlich hätte Tille in der alten Heimat auch gerne gespielt. Doch Bundestrainer Michal Winiarski gewährt zu Beginn der Vorbereitung auf die WM im September auf den Philippinen seinen Spitzenkräften noch eine Pause. Eine kleine wenigstens, für das in den Vorjahren durch EM, Olympia-Qualfikation und die Spiele in Paris schwer strapazierte Personal.

Und, nun ja, Tille etwa war bis vor Kurzem noch in der Saison gefordert. Der 27-Jährige führte die übermächtigen Berlin Volleys zur Deutschen Meisterschaft. Zu seiner dritten. Die zumindest vorerst aber auch seine letzte sein wird. Tille wird im Sommer weiterziehen. Polen wird seine neue Heimat, das Nachbarland, in dem der Volleyball ein Nationalsport ist. Die EM 2017 ist noch in bester Erinnerung, als sich zur Eröffnung 60 000 Fans ins Warschauer Nationalstadion drängelten. Wohin genau es ihn verschlagen wird, darf Deutschlands bester Zuspieler noch nicht verraten. Nur so viel: „Es wird im Nordosten sein“.

In Berlin ahnt man schon längst, dass man den Ausnahme-Regisseur nicht gleichwertig ersetzen können wird. Und trotzdem hat man ihm keine Steine in den Weg gelegt als er im Winter um die Auflösung seines Vertrages bat. Weil offensichtlich war, dass die Bundesliga für ihn zu klein geworden ist. So wie sein Verein der deutschen Eliteklasse längst entwachsen ist. . „Du merkst immer wieder, dass es reicht, wenn du 50 Prozent gibst“, sagte Tille, „du gewinnst trotzdem. Das macht keinen Spaß.“

Das wird nun anders werden. Das Niveau in der polnischen Liga ist deutlich höher. Johannes Tille wird sich Woche für Woche auf höchstem Niveau behaupten müssen. Er will, begleitet von Ehefrau Cilla, die Herausforderung suchen, um sich selbst weiter zu entwickeln. Dass sich der Schritt auch finanziell auszahlt, ist ein schöner Nebeneffekt. In Polen verdienen Volleyballer pro Saison im niedrigen sechsstelligen Bereich. Für die Bundesliga ist das unerreichbar.

Bundestrainer Winiarski wird Tilles Schritt in sein Heimatland nur recht sein. Als Zuspieler ist Tille schließlich auf der großen Schlüsselposition im Volleyball. Er ist Gehirn, Herz und Taktgeber. Der Mann also, der wesentlich darüber entscheidet, ob die DVV-Männer den Aufschwung der Spiele von Paris fortsetzen, wo sie im Viertelfinale hauchdünn in fünf Sätzen gegen den späteren Champion Frankreich verloren.

Tille ist überzeugt davon, dass die Entwicklung weitergeht. Wenn man sich nur regelmäßig mit den ganz Großen misst. So wie er künftig in Polen.
PATRICK REICHELT

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