Sprint der Generationen: Der Altersdurchschnitt beim MRFC liegt bei 25 Jahren. © Achim Schmidt
Eine Wucht: Bei Gerd Gerhards verteilen sich 95 Kilogramm auf 1,70 m. Beim Rugby fand er die Gemeinschaft, die er immer gesucht hat. © Privat
München – Selbst Captain Fantastic kommt manchmal nur schwer aus dem Stuhl. Das Spiel gegen den Deutschen Meister steckt noch in den Knochen. Mit dem München Rugby Football Club (MRFC) verlor Gerd Gerhards am Samstag 12:76 beim SC Frankfurt 1880.
Zwei Tage später sitzt er an der Trainingsanlage in Großhadern. Eine freundliche Erscheinung, das Grinsen noch breiter als die Schultern. Das blaue Rugby-Dress sitzt wie eine zweite Haut. Das Spiel gegen Frankfurt, es war das 100. Bundesliga-Spiel seiner Karriere.
Gerhards ist 50 Jahre alt. Und damit älter als der MRFC (gegründet 1977) und im Schnitt doppelt so alt wie seine Mitspieler. Der gebürtige Aachener, Neffe vom Komiker Alfred Gerhards und dem „Bonbonmacher“ Hartmut Gerhards, brauchte schon immer den Kraftsport. Die Grenzerfahrung. 20 Jahre Karate, aber das war nicht genug. „Ich wollte Teil eines Teams, einer Gemeinschaft sein.“ Während des Masterstudiums in Australien begann Gerhards mit dem Rugby. Die Erinnerungen an das erste Training schießen sofort in den Kopf. „Samstagmittag hat das Training begonnen, Samstagnacht um drei Uhr war ich wieder zu Hause. Du kennst ab dem ersten Tag 50 Leute, die sich um einen kümmern.“ In Sydney wurde er 2009 zum wertvollsten Spieler des Vereins gewählt, war Vizepräsident des Waverly Rugby Club. Zurück in Deutschland ging es über die Düsseldorf Dragons ab 2016 nach München. Der Manager und der Rugby-Rasen, eine ewige Liebesgeschichte.
„Einen Alterungsprozess habe ich eigentlich nie gemerkt“, sagt er. Vor zwei, drei Jahren hat sich das geändert. Der Körper braucht nun länger, um die Einschläge zu verarbeiten. Nach einem harten Spiel oder Training muss er die Treppen auch schon mal rückwärts runtergehen. Im Spiel merkt er: Upps, vor einem Jahr hätte das noch geklappt.
Gespielt wird auf Rasen, trainiert auf Kunstrasen. „Der Kunstrasen wird mich wohl zwei, drei Jahre meiner Karriere kosten“, sagt Gerhards. Er trainiert in Straßenschuhen, bekömmlicher für das Knie. „Die Schuhe sind vermutlich so alt wie Gerd“, scherzt Alan Moughty, der Trainer: „Gerd ist topfit, er ist immer da. Der alte Hase will noch lernen, er entwickelt sich auch mit 50 noch weiter.“
Gerhards spielt auf der Position des Scrum. „Das Gedränge ist vermutlich der Grund, warum ich es noch in die erste Mannschaft schaffe. Das ist meine absolute Stärke. Wenn du da einen Nachteil hast, wirkt sich das auf das ganze Spiel aus.“ Gerd Gerhards im Gedränge, das ist Rugby-Poesie.
Bei ihm verteilen sich 95 Kilogramm auf 1,70 m, der Bizeps könnte auch ein Oberschenkel sein. Und trotzdem sind die direkten Gegenspieler meist 20, 30 Kilo schwerer. Doch mit seiner Erfahrung und Technik gleicht er Alter und Gewicht aus. Und auch die „dark arts“, die dunklen Künste, wenn die Fleischkolosse der ersten Reihe aufeinandprallen, beherrscht der diplomierte Sportwissenschaftler. „Das Adrenalin steht dir bis oben. Es heißt: Du oder Ich. Das ist auch eine mentale Schlacht.“ Die Narben auf Gerhards Körper erzählen viele Geschichten. Abriss der Achillessehne, Beißverletzung auf dem Kopf, zweimal Abriss der Bizepssehne. Und ein Lippendurchbiss. „In Australien hat mir ein Spieler im Fallen mit der Hüfte das Gesicht langgezogen. Da war alles komplett offen.“ Bislang gab es keine Saison, in der Gerhards nicht irgendwo genäht werden musste. Nach dem Riss der Bizepssehne 2023 dachte er sich: Jetzt reicht es doch eigentlich, oder? Es reichte nicht. Noch einmal fit werden, noch einmal zurückkommen, noch eine Saison dranhängen. Und noch eine.
Gerhards hat die Münchner als Kapitän in die Bundesliga geführt. Die Meisterfeier ging damals nicht Stunden, sondern Tage. Gehälter gibt es nicht. „Wir bieten den Spielern unser Vereinsleben an.“ Beim Rugby gibt es die Regel, dass die Heimmannschaft den Gast verköstigt. Die Kiste Bier wartet nach dem Spiel schon in der Kabine. Oft bleibt der MRFC auswärts noch eine Nacht länger, um gemeinsam feiern zu gehen. Gerhards hat die Gemeinschaft gefunden, die er gesucht hat. Deshalb fällt ihm das Aufhören auch so schwer. Diese Familie will er doch nicht hinter sich lassen.
Mitspieler Linus (20) muss lachen. Mit 50 noch Rugby? Das kann er sich nicht vorstellen. „Ich habe lange gebraucht, um herauszufinden, dass er wirklich 50 ist. Ich habe es immer mal wieder gehört, aber dachte, das sein ein Scherz. Gerd ist in jedem Training da, gibt immer Gas. Diese Erfahrung im Gedränge ist für uns Gold wert.“ Das Alter sei meist kein Thema, sagt Gerhards. Außer bei Auswärtsfahrten, wenn er die junge Horde mit seiner Vernunft ein wenig einbremst. Dann heißt es: Ja, Papa Gerd.
Nach dem 100. Bundeliga-Spiel und vor dem wichtigen Spiel am Samstag um den Einzug in die Playoffs gerät Gerhards ins Grübeln. War das tatsächlich die letzte Saison? Noch mal die Knochen hinhalten, das Gedränge, ausgekugelte Finger, die mentale Schlacht, das Bier nach dem Spiel. Und dann der Abschied? Es wäre für den MRFC und Gerhards gleichermaßen eine Zäsur. Denn Gerd war immer da.
NICO-MARIUS SCHMITZ