ZUM TAGE

Im Dickicht der Interessen

von Redaktion

Nominierung für Nations League

Die Vermarktungsstrategie war festgelegt: So wie die Europameisterschaft 2024 das Gefühl der WM 2006 reproduzieren sollte, war das Finalturnier der Nations League 2025, das an Deutschland vergeben worden ist, dafür vorgesehen, dritter Teil der Sommermärchen-Trilogie zu werden. Und es mutet wirklich wie ein Geschenk an, dass die Fans wieder das original pinke oder das nachgemachte Check24-Trikot anziehen können, während die Nationalmannschaft vom „Home Ground“ in Herzogenaurach aufbricht, sich mit Europas Spitze zu messen. Vielleicht kommt es auch zur Wiederbegegnung mit der abgespreizten linken Hand des Spaniers Marc Cucurella – die Geschichte wäre rund.

Doch spätestens mit der Nominierung seines 26er-Kaders, die Bundestrainer Julian Nagelsmann nun vorgenommen hat, zeigt sich, dass die sportliche Wertigkeit dieses „Final Four“ nicht die eines großen Turniers erreichen wird. Stünden Anfang Juni eine WM oder EM an, würde versucht, Jamal Musiala irgendwie fit zu behandeln, bei Kai Havertz alle medizinischen Optionen auszuloten. Und Antonio Rüdiger hätte – jetzt mal ungeachtet der Geschichte um seine Ausraster in Spanien und der Diskussion um disziplinarische Konsequenzen von DFB-Seite – eine Knie-Operation um einige Wochen aufgeschoben. Noch nach der Qualifikation im März hatte Nagelsmann erklärt, die bestmögliche Mannschaft auf den Platz schicken zu wollen.

Doch der Bundestrainer findet sich wieder in der neuen Wirklichkeit des Fußballs, in die im Vorsommer der richtigen WM eine Mammut-Veranstaltung namens FIFA-Club-WM eingedrungen ist. Die dort mit dem FC Bayern und Dortmund vertretenen Spieler werden kaum eine Erholungspause haben, bevor sie in eine neue anspruchsvolle Saison mit der seit einem Jahr aufgeblasenen Champions League und einer ebenfalls anstehenden WM-Qualifikation gehen. Die Club-WM in Amerika wirkt sich auch aus auf die Zusammensetzung der U21-Nationalmannschaft. So kommt es zur skurrilen Situation, dass der Hoffenheimer Tom Bischof nicht die U21-EM spielen darf, weil sein neuer Arbeitgeber FC Bayern ihn schon für den Übersee-Aufenthalt anfordert – dann soll er halt bei der A-Nationalmannschaft vorbeischauen, wofür er sich noch nicht ultimativ empfohlen hat.

2022 mussten sich Nationaltrainer der Herausforderung einer Winter-WM im Ligen-Spielbetrieb stellen, nun haben sie eine Saison zu managen, die im Grunde von 2024 bis 26 geht. Die Nations League ist kein Schlusspunkt, sondern nur ein Termin im Gestrüpp an Events – und der Bundestrainer ein Koordinator im Dickicht der Interessen. Guenter.Klein@ovb.net

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