Nach der Unterschrift bis 2028: Sandro Wagner vor der Augsburger WWK Arena. © dpa/Karl-Josef Hildenbrand
Augsburg – An den FC Bayern reichte der FC Augsburg am Mittwoch bei Sky nicht ran. Zu Jonathan Tah im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder und Leroy-Sané-Unterhändler Pini Zahavi zu Vertragsgesprächen beim „Käfer“ wurde in den Sport-News öfter geschaltet – doch immer wieder mal kam auch die Augsburger Arena dran. Vor deren Toren war um 8.16 Uhr Sandro Wagner aufgetaucht und hatte sich von Geschäftsführer Michael Ströll hineinführen lassen. Kurz nach 15 Uhr war es dann offiziell: Wagner (37), bisheriger Nagelsmann-Assistent bei der Nationalmannschaft, wird, wenn er seine Aufgaben für den DFB in der Nations League erledigt hat, Cheftrainer des FC Augsburg. Der Club verbreitete dazu ein paar Fotos: Wagner, wie er vor einem Welcome-Bild einen Vertrag bis 2028 unterschreibt, wie er ein Trikot seines neuen Vereins hält, wie er in seinem neuen Stadion steht.
Vor einigen Tagen wurde die Personalie unter „Irres Gerücht“ geführt, denn Stellen für einen aufstrebenden jungen Trainer mit Alphatier-Attitüde und hohem Karriereanspruch waren auch andernorts frei: Leverkusen, Leipzig, Wolfsburg – allesamt mit größeren wirtschaftlichen Möglichkeiten und somit besserer sportlicher Perspektive als Augsburg. Als möglicher Vorteil des FCA galt die räumliche Nähe zu Unterhaching, wo Wagner mit Frau und vier Kindern lebt. Doch dass Sandro Wagner nach Augsburg kommt, soll keine bequemliche Work-Life-Balance-Lösung sein. Er wird sich eine Wohnung am neuen Wirkungsort nehmen – und die Nacht zum Mittwoch verbrachte er bereits in Augsburg im Hotel. Über den Vertrag waren sich Wagner und Ströll am Dienstagabend einig geworden. Und Sandro Wagner hat bis Januar 2026 noch eine weitere Aufgabe, die sein Privatleben einschränkt: In sieben Sonntag-bis-Mittwoch-Blöcken muss er zum Lehrgang für die Pro-Lizenz.
Dass der FCA sich überhaupt an einen wie Sandro Wagner heranwagte, belegt den Willen, im 15. Jahr in der Bundesliga einen Kulturwandel zu erzwingen. Die vergangenen beiden Jahre hatte der Club mit dem Abstiegskampf fast nichts mehr zu tun, unter dem dänischen Trainer Jess Thorup und dem schweizerischen Sportdirektor Marinko Jurendic spielte die Mannschaft sich phasenweise an die internationalen Plätze heran. Dass diese letztlich durch fünf Niederlagen am Stück zum Ausklang der Saison 23/24 und vier dann 24/25 vergeben wurden, führte zur Trennung von den beiden Verantwortlichen, die mit ruhiger Hand und großer Freundlichkeit agiert hatten. Nachteilige Punkte in der Saisonanalyse waren, dass der FCA in der Expected-Goals-Tabelle den letzten Platz der Bundesliga belegte und die Einsatzzeiten für Spieler aus dem eigenen Stall nicht den Wünschen von oben entsprachen. Von Wagner erwartet man sich mehr Jugendlichkeit, mehr Attraktion im Spielvortrag, mehr Feuer. „Sandro kann“, so Ströll, „eine Mannschaft auch mit seiner Emotion packen.“
Der FCA will mehr Wahnsinn liefern. „Wieder sexy werden“, hatte Michael Ströll schon für die Saison 24/25 gefordert. Die Augsburger sind einer der solidesten Vereine der Bundesliga, das Stadion (30660) ist häufig ausverkauft – doch es ärgert die Schwaben, dass sie als langweilig und überflüssig wahrgenommen werden. Obwohl sie doch schon mal an der Europa League teilnahmen (2015/16) und für ihren selbstironischen Slogan „In Europa kennt uns keine Sau“ Applaus erhielten. Und obwohl Jens Lehmann mal ein paar Wochen Co-Trainer war (2019) und man mit dem längst vergessenen Ricardo Pepi einen Rekordtransfer für die Corona-Zeit aufstellte.
Und warum entschied Wagner sich nun für Augsburg? „Die Gespräche haben mich überzeugt, dass die Aufgabe beim FC Augsburg genau der richtige Schritt ist. Der FCA hat eine klare Philosophie, die sehr gut zu meiner Spielidee passt. Ich bin ein junger Trainer, der sich gemeinsam mit dem Verein entwickeln möchte“, wird Wagner in der Vereinsmitteilung zitiert.
Freie Rede gibt es von ihm noch nicht, er hat mit dem DFB vereinbart, sich zur neuen Aufgabe erst zu äußern, wenn er sie in ein paar Wochen antritt. Seine Karriere als Trainer steuert er bislang vorsichtig und mit erkennbarer Überzeugung, dass er nicht schon im Anfangsstadium ins höchste Regal greifen muss. Unterhaching-Präsident Manni Schwabl, der Wagner aus zwei SpVgg-Regionalliga-Jahren gut kennt, meinte bei Sky: „Augsburg und Sandro, das könnte passen.“
GÜNTER KLEIN