Bayern begnadigt Kanada

von Redaktion

München – Alphonso Davies zählt die Tage rückwärts, aber: es sind noch sehr viele. „November“ antwortete der verletzte Verteidiger des FC Bayern zuletzt auf die Frage nach einem möglichen Comeback-Zeitpunkt – seinen geliebten Fußball muss der derzeit anders genießen als gewohnt. Als einziger aktueller Profi des FC Bayern war der 24-Jährige beim Champions-League-Finale in der Allianz Arena, auch beim Legenden-Turnier im Vorfeld sah man ihn im SAP Garden. Er lachte, er war gut drauf, es sieht so aus, als könne Davies nach dem bitteren Kreuzbandriss wieder positiv nach vorne blicken. Da passt es doch gut, dass auch der Streit, der hinter den Kulissen zwischen dem FC Bayern und dem kanadischen Verband rund um die Nachsorge der Verletzung entbrannt war, beigelegt wurde.

Die Meldung, die die Bayern am Dienstag herausgaben, war kurz. Von einem Austausch mit dem kanadischen Verband war zu lesen, Thema: Schutzpflichten bei verletzten Spielern. Die Öffentlichkeit zu informieren, war eine bewusste Entscheidung, denn die Verantwortlichen sehen in dem Fall Davies mehr als die Klärung eines Einzelfalls. Eine finanzielle Entschädigung im Rahmen des FIFA Schutzprogramms ist sicher. Aber CEO Jan-Christian Dreesen und seinen Vorstandskollegen geht es darum, die oftmals schwere, schleppende und intransparente Kommunikation mit diversen Verbänden zu verbessern – und klare Grenzen zu setzen. Zum Wohle der Spieler, unter dem Motto: nicht mit uns!

Dreesen hat diese Haltung seit Ende März vehement vertreten – und „Canada Soccer“ war in der Bringschuld. Die Wut der Bayern über die schlechte medizinische Versorgung, die Davies nach seiner im Länderspiel erlittenen schweren Knie-Verletzung erhalten hatte, war genauso groß wie jene über den fehlenden Austausch im Nachgang. Die Worte des Vorstandsbosses –„es kann nicht sein, dass ein Spieler, der in der sechsten Minute ausgewechselt wurde, auf einen 12-Stunden-Flug geschickt wird, ohne eine Bandage und ohne einen Kreuzbandriss festzustellen“ – waren auch den Verantwortlichen um Generalsekretär Kevin Blue in den Ohren. Angebote, persönlich an der Säbener Straße vorzusprechen, hatte Dreesen abgelehnt, solange keine schriftlich fixierte Gesprächsbasis vorlag. Erst jetzt, nachdem der Verband einen detaillierten Bericht ausgearbeitet hatte, kam es in München zum Davies-Gipfel. Rechtliche Schritte, vor Monaten wütend in Betracht gezogen, sind seitdem vom Tisch.

Blue und Nationaltrainer Jesse Marsch waren vor Ort, zudem ein juristischer Verbands-Mitarbeiter. Und sie hatten Einiges im Gepäck. Wie unsere Zeitung erfuhr, wurde auf 28 Seiten umfassend medizinisch dargelegt, wie es zu den Abläufen rund um die Verletzung kam. Nicht alle Punkte davon sind nachzuprüfen – unter anderem gehen die Meinungen darüber, ob Davies selbst auf den Rückflug zu seiner Familie drängte oder vom Verband nach Hause entlassen wurde, auseinander. Aber es geht den Bayern auch gar nicht darum, den Verband an den Pranger zu stellen. Vielmehr will eine Basis für die Zukunft – und ein Exempel statuieren.

Dass Ansichten zu verletzten Spielern bei Clubs und Verbänden nicht immer gleich sind, hat Tradition. Aber es gibt Verbände, so heißt es intern, die deutlich besser kommunizieren als andere (Stichwort: „Katastrophe!“). Sie alle sollten gut hinsehen und -hören. Die Bayern sind bereit zu kämpfen.
H. RAIF, P. KESSLER, V. TSCHIRPKE

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