„Ein Angriff der FIFA auf die UEFA!“

von Redaktion

Experte Stefan Chatrath über Hintergründe der neuen Club-WM

UEFA-Präsident Ceferin übergibt den Nations-League-Pott an Portugals Ronaldo. © Singer/EPA

FIFA-Präsident Infantino, hier mit der Trophäe der neuen Club-WM. © Navarro/Imago

Chatrath sieht die UEFA unter Druck. © privat

Prof. Dr. Stefan Chatrath forscht zum Thema Sportsmarketing. Seiner Ansicht nach ist die Club-WM ein Angriff der FIFA auf den europäischen Verband UEFA – im Interview erklärt er, wieso.

Professor Chatrath, erleben wir derzeit eine Machtverschiebung im Fußball?

Gianni Infantino führt die FIFA zunehmend wie ein Unternehmen. Es geht vor allem darum, die Umsätze zu maximieren. Das hat man schon bei der Aufstockung der Verbands-Weltmeisterschaft auf 48 Teams gesehen. Weitere Projekte wie eine WM alle zwei Jahre oder eine globale Nations League scheiterten – jetzt ist die modifizierte Club-WM das neue Produkt. Sie ist nicht nur ein ökonomischer Hebel, sondern auch ein strategisches Mittel, um die Macht im globalen Fußball neu zu verteilen.

Welche Rolle spielen dabei die großen europäischen Clubs?

Sie sind ein zentraler Bestandteil. Die großen Vereine der European Club Association (ECA) fühlten sich lange von der FIFA vernachlässigt. Die neue Club-WM gibt ihnen erstmals die Möglichkeit, finanziell von einem FIFA-Wettbewerb direkt zu profitieren. Es ist ein erster direkter Angriff der FIFA auf die UEFA, die bisher mit der Champions League das alleinige Zugpferd im internationalen Clubfußball war.

Könnte die Club-WM langfristig die Champions League verdrängen?

Das ist derzeit noch schwer vorstellbar. Die Club-WM findet nur alle vier Jahre statt, die Champions League jährlich. Ihre wirtschaftliche und mediale Strahlkraft ist derzeit größer. Aber klar ist: Die FIFA steigt systematisch in den Clubfußball ein – unterstützt von den anderen Kontinentalverbänden, die vom boomenden europäischen Markt profitieren wollen.

Welche Rolle spielt der Zeitraum des Turniers?

Die Ansetzung ist bewusst so gewählt: Die Club-WM ersetzt den Confederations Cup, ein Nationalmannschaftsprodukt der FIFA. Sie überstrahlt aber auch die EM der Frauen, ein Produkt der UEFA. Das ist kein Zufall. Die FIFA nimmt bewusst keine Rücksicht auf bestehende Turnierstrukturen.

Welche strategische Rolle spielt die Club-WM für die großen Vereine in Europa?

Sie stärkt ihre Position gegenüber der UEFA erheblich. Die Teilnahme an der Club-WM kann als Druckmittel in Verhandlungen über die Zukunft der Champions League genutzt werden. Die großen Clubs haben dadurch deutlich mehr Verhandlungsmacht als früher.

Verstärkt die Club-WM das finanzielle Ungleichgewicht im Fußball weiter?

Ja, eindeutig. Schon jetzt sorgt die Champions League für massive Einnahmeunterschiede. Die Club-WM wird das noch weiter verschärfen. Vereine wie Borussia Dortmund können sich durch Startgelder finanzielle Spielräume schaffen, auch wenn sie national nur durchschnittlich performen.

Könnten kleinere Vereine oder andere Kontinente ebenfalls profitieren?

In der Theorie ja, durch Solidaritätszahlungen. In der Praxis bleibt der Unterschied aber gewaltig. Ein semi-professioneller Club wie Auckland City wird von der Club-WM kaum profitieren wie ein Real Madrid. Dennoch: Für Clubs außerhalb Europas sind die Einnahmen wichtig, um sich langfristig zu professionalisieren.

Wie weit reicht dieser Trend zur Globalisierung des Clubfußballs genau zurück?

Er begann etwa 2000, als Real Madrid unter Florentino Pérez anfing, sich international als Marke zu positionieren. Daraus entstanden globale Franchise-Modelle, die später auch Barcelona, Bayern, Paris und andere übernahmen. Diese Vereine denken längst global – und die Club-WM ist für sie ein weiteres Marketingtool.

Besteht die Gefahr, dass sich Fans dadurch abwenden?

Gerade in Europa ist diese Gefahr real. Hier schätzt man Tradition, regionale Verankerung und Nähe zum Verein. Ein rein kommerzielles Denken kann die Identifikation zerstören. Aber die FIFA richtet sich längst an ein globales Publikum.

Was bedeutet all das für die UEFA?

Die UEFA steht unter Druck. Sie muss ihre Produkte konsequent weiterentwickeln, um relevant zu bleiben. Mit der Nations League hat sie versucht, den Nationalmannschaftsfußball aufzuwerten. Das ist ihr gelungen. Viel Spielraum nach oben bleibt aber nicht mehr.

INTERVIEW: VINZENT TSCHIRPKE

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