In der Luft fühlt sich Celine Lorenz sehr wohl. © Instagram
Frohe Natur: Celine Lorenz ist nach einer Verletzung endlich bereit für die X-Alps.
Autorin Johanna Stöckl mit Celine Lorenz vor der Traunsteiner Hütte. © Stöckl
Mit viel Gepäck geht es für Celine Lorenz auf ihr Abenteuer über die Alpen. © Zoom Productions
Red Bull X-Alps ist das größte Abenteuerrennen der Welt, bei dem herausragende Hike-and-Fly-Athleten die Alpen überqueren und dabei bis zu 150 Kilometer pro Tag mit dem Gleitschirm fliegen, wandern und laufen. Mit 1283 Kilometern ist die Strecke länger als je zuvor. 16 Wendepunkte verteilen sich über fünf Länder: Österreich, Frankreich, Deutschland, Italien und Schweiz. Am Sonntag fällt der Startschuss und Celine Lorenz nimmt als einzige weibliche Starterin am zwölftägigen Rennen teil. Die 26-Jährige ist in Mittenwald aufgewachsen, aber längst auf der Traunsteiner Hütte zu Hause. Im Interview spricht die Multisportlerin über Ängste, Genussmomente, Windeln und den Reiz des Ungewissen.
Frau Lorenz, wie sind Sie zum Paragleiten gekommen?
Ich fliege seit 2015. Seit ich meinen Flugschein gemacht habe, dreht sich mein ganzes Leben mehr oder weniger um’s Gleitschirmfliegen. Als ich den Schein machte, lief in der Flugschule das Livetracking zu den X-Alps. Damals dachte ich: Boah, das ist ja krass!
Wollten Sie nicht auch schon vor zwei Jahren starten?
Ja. Aber ich hatte mich kurz vor dem Start verletzt. Bei einem Fotoshooting wollte ein Fotograf einen „coolen“ Shot machen. Ich sollte vergnügt von einem großen Stein hüpfen, dabei hab ich mir den Knöchel verstaucht.
Wovor haben Sie Angst bei den X-Alps?
Ich habe großen Respekt vor dem Wetter. Die ausgehende Gefahr ist ja zum Teil unsichtbar. Ich habe großen Respekt vor dem Wettbewerb an sich, von der Komplexität des Formats. Da spüre ich schon etwas Druck. Ich möchte sehr gerne ins Ziel kommen.
Wie wohl fühlen Sie sich im alpinen Gelände?
Gleitschirmfliegen ist meine Hauptdisziplin. Ich bin zwar nicht die ultrakrasse Kletterin oder Bergsteigerin, aber gern in den Bergen unterwegs. In Mittenwald mit dem Alpenverein aufgewachsen hatte ich schon immer Kontakt zu den Bergen, zu den Felsen. Meine gesamte Verwandtschaft besteht aus richtig starken Bergsteigern und Kletterern. Mein Uropa, Matthias Krinner, hat viele Erstbegehungen im Karwendel gemacht. Das Bergsteigen liegt also in der Familie.
Haben Sie für die X-Alps gezielt trainiert, Kondition aufbauen müssen?
Beim Fliegen kann ich mithalten. Beim Trailrunning sind Männer rein kräftemäßig sicher stärker. Mein Trainingsplan ist also dem Volumen angepasst. Heißt: Möglichst viele Stunden und Höhenmeter in den Beinen sammeln – mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken. Zusätzlich lerne ich über Mentaltraining, mich möglichst gut zu fokussieren, den ganzen Wirbel um den Wettkampf auszublenden.
Bleibt die Routenwahl von einem Wendepunkt zum nächsten dem Athleten selbst überlassen?
Wie man die Fixpunkte erreicht, kann selbst entschieden werden.
Starke Gleitschirmflieger oder ausdauernder Bergsteiger, wer ist bei den X-Alps im Vorteil?
Eindeutig die Gleitschirmflieger. Man kann beim Fliegen viel mehr Strecke herausholen. Aber das Körperliche gehört schon auch dazu. Mit starker Fitness holst du am Berg schon mal eine Stunde im Aufstieg raus.
Ihr längster Flug bisher?
220 Kilometer in Frankreich. Theoretisch kann man von in der Früh bis zum Abend fliegen.
Stichwort: Toilette. Während eines langen Fluges?
Frauen benutzen Windeln, Männer Urinale.
Ist Fliegen Ihr Beruf?
Dieses Jahr kann ich davon leben. Sonst habe ich immer als Fluglehrerin gearbeitet. Mein gelernter Beruf ist allerdings Konditorin.
Wieso tun Sie sich diese Schinderei an?
Manchmal frage ich mich das auch. Aber es macht mir – dann und wann – auch Spaß, an meine Grenzen zu gehen. Ich liebe das Abenteuer gemeinsam mit meinem Team. Nicht zu wissen, wo man abends landet, die Nacht verbringt, macht für mich den Reiz aus.
Müssen Ruhezeiten eingehalten werden?
Zwischen 21 Uhr und 6 Uhr muss man sieben Stunden ruhen.
Wie schaut so eine Zwangspause aus?
Das Ziel ist, dass ich abends immer bei meinem Team ende und auch im Camper schlafe. Tim Ungewitter aus Übersee und Noe Court aus der Schweiz unterstützen mich strategisch. Beide sind starke Gleitschirmflieger und Läufer. Meine Freundin Theresa wiederum ist Physiotherapeutin und für Massagen und Essen zuständig.
Kann man so einen harten Wettkampf auch genießen oder ist das reine Plagerei?
Eine gewisse Schinderei bleibt sicher nicht aus. Aber mein Team gibt mir viel Kraft. Das sind alles Leute, mit denen ich schon sehr viel erlebt habe. Auf die gemeinsame Zeit und die Dynamik freue ich mich voll.
Es gab auch schon dunkle Zeiten in Ihrem jungen Leben.
2019 ist mein damaliger Freund im Zillertal bei einer gemeinsamen Hike-and-Fly-Tour verunglückt. Das mag für Außenstehende schwer zu verstehen sein, aber das Fliegen hat mir langfristig bei der Trauerbewältigung geholfen.
INTERVIEW: JOHANNA STÖCKL