„Vieles zu sehr in Watte gepackt“

von Redaktion

Sportprominenz debattiert über den steinigen Weg vom Talent zum Profi

Starkes Podium: Beate Wagner, Oliver Bierhoff und Oscar da Silva (v.li.). © Achim F. Schmidt für Kuffler

München – Zugegeben, eigentlich wäre Oscar da Silva in diesen Tagen gerne ganz woanders. Der Basketball-Profi würde nur zu gerne mit dem FC Bayern durch die BBL-Finals in Richtung Titel pflügen. Doch das Schicksal meinte es nicht gut. Seit einer Knie-Operation Anfang März ist der 26-Jährige bei den Spielen im SAP Garden nur Zuschauer.

Aber auch das ist halt ein kaum vermeidbarer Teil eines Karrierewegs, wie da Silva kürzlich in einer Talkrunde im Münchner Seehaus berichtete. Der Basketball-Nationalspieler war dem Ruf der Anwaltskanzlei Gibson Dunn gefolgt, um über den Weg vom Talent zum Profi zu berichten. Und er hatte prominente Gesellschaft: Ex-Fußballer Oliver Bierhoff und Beate Wagner, die Mutter der NBA-Brüder Franz und Moritz Wagner. Drei Gäste, drei grundverschiedene Blickwinkel. Doch was das Trio berichten hatte, hatte doch so manche Gemeinsamkeiten.

Die vielleicht größte ist ein Punkt, den viele als eine der großen Schwachstellen im System sehen. Es ist der Übergang vom Jugend- in den Profibereich. Die Wagner-Brüder wie auch Oscar da Silva haben für ihn den Weg ins Ausland gewählt. Ins nordamerikanische College-System, Oscar da Silva tat es am Eliteinstitut in Stanford, wo er nicht nur sportlicher, sondern auch wissenschaftlicher Leistungsträger als Biochemiker war. Die Wagners führte dieser Weg, den Beate Wagner in ihrem lesenswerten Buch „Glanz in ihren Augen“ eindrucksvoll beschrieb, in die Traumfabrik NBA. Für da Silva war es die Grundlage einer europäischen Profikarriere. Über Ludwigsburg und Berlin brachte er es zum FC Barcelona. Und nun eben zu den Bayern. „Ich bin als Junge rübergegangen und als junger Mann zurückgekommen“, sagte da Silva.

Bierhoff kann den Gedanken nachvollziehen. Der frühere DFB-Manager vergleicht es mit seinem Karriereschritt ins Ausland, raus aus der Komfortzone. Mit 22 ging er zu Austria Salzburg, auch wenn es bei ihm mehr wie ein Neustart der Karriere wirkt. Was herauskam, ist bekannt – sechs Jahre später schoss Bierhoff Deutschland zum Europameister.

Eine andere Frage ist: Wer legt den Funken in Richtung Spitzensport? Da Silva hatte den Vorzug, dass sein Vater Valdemar in seiner Heimat Brasilien Boxer war, bis nahe ran an die Olympiateilnahme. Oscar und sein Bruder Tristan (heute NBA) hatten das Vorbild im eigenen Haus. „Ohne meinen Vater“, sagte Oscar da Silva, „wäre ich wahrscheinlich nicht da, wo ich heute bin. Die Wagner-Brüder dagegen hatten den Vorzug, früh das oft prämierte Nachwuchssystem von Alba Berlin zu genießen.

Der so gepflegte Leistungsgedanke ist auch Bierhoff für wesentlich: „Heute wird vieles zu sehr in Watte gepackt“, sagte er. Dass Systeme wie das der Albatrosse hierzulande selten sind, tut ein Übriges. Das fehlende Geld tut sein Übriges. Sportart-übergreifend fehlt es an qualifizierten Trainern wie an der Infrastruktur. Bierhoff glaubt, dass ein Großereignis wie die Olympischen Spiele in Deutschland den Anstoß für Veränderungen im Land geben könnte. Schönen Gruß nach Großbritannien, wo die Spiele von London 2012 einen bemerkenswert erfolgreichen Systemwechsel mit sich brachten. 29 Olympiasieger feierte man im eigenen Land. Zum Vergleich: Deutschland brachte es rund um den Big Ben auf elf.

Oscar da Silva, Franz und Moritz Wagner können immerhin von sich sagen, schon einmal unter den fünf Ringen dabei gewesen zu sein. Im vergangenen Jahr in Paris nämlich. Seinerzeit schrammte die DBB-Auswahl als Vierter nur denkbar knapp an einer Medaille vorbei. PATRICK REICHELT

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