Druckfrisch: Draisaitl-Buch (Riva, 234 S., 20 Euro) von Reporter Günter Klein.
Dynastie Florida: Wie im Vorjahr gewannen die Panthers (hier Kapitän Barkov) den Stanley Cup. © dpa/Lynne Sladky
Die Gesichter des Scheiterns: Connor McDavid (l.) und Leon Draisaitl. © dpa/Nathan Denette
Sunrise/München – Gary Bettman, der Chef der NHL, stand neben dem Stanley Cup und sagte: „Dies ist die am schwersten zu gewinnende Trophäe in der Welt des Sports.“ Nach 82 Hauptrundenspielen und vier Best-of-Seven-Playoff-Runden muss man der Beste sein. „Den Cup zweimal zu gewinnen“, fuhr Bettman fort, „ist nahezu unmöglich.“
Doch die Florida Panthers realisierten das Unmögliche, während den Edmonton Oilers entglitt, was möglich gewesen wäre in dieser Finalserie. Sie hielten sich für besser vorbereitet, für ausgeglichener besetzt als im Vorjahr, als sie Florida in sieben Spielen unterlegen waren. Sie waren mit einem Sieg und Heimvorteil eingestiegen in die Neuauflage des Finales – und verloren es in sechs Spielen. Einen Vize-Stanley-Cup-Sieger gibt es nicht, der Zweite erleidet die größte Niederlage, sein Verlust ist der ärgste. Die Clubs auf den Rängen 17 bis 32, die gar nicht erst in die Playoffs gekommen sind, haben schon zwei Monate hinter sich, ihr Scheitern zu verarbeiten. Die Edmonton Oilers jedoch haben das gleiche Erleben von Schmerz wie vor zwölf Monaten, auch damals in Sunrise, Florida. „Es tut genauso weh“, presste sich Leon Draisaitl ein Statement aus den Lippen.
Ein Versagen der Oilers ist immer ein personifiziertes Drama, die Gesichter sind Connor McDavid und Leon Draisaitl, weil sie so weit über allen anderen in ihrer Mannschaft stehen. Die Saison des Kanadiers, den man ein Generationentalent nennt, war für seine Verhältnisse durchwachsen. Der Kölner Draisaitl, das ist Konsens, übertraf seinen Mitspieler und Freund in diesem Jahr. Er wurde bester Torschütze der „regular season“, obwohl ihm wegen zweier Verletzungen elf Spiele fehlten; er war auch in den Playoffs der Top-Scorer und setzte wieder einige geschichtsträchtige Marken. Beide Oilers-Siege in den Finals entsprangen seinen Treffern in der Verlängerung, er hatte Punkte-Streaks, wie man sie aus der goldenen Ära des Allzeit-Größten Wayne Gretzky kannte. In Deutschland stieg das Interesse am Sportler des Jahres 2020 weiter an, bei Draisaitls Vermarktungsagentur in Düsseldorf gingen die Anfragen von mehreren Produktionsfirmen für Dokumentationen ein – und kürzlich erschien die erste Biografie über Leon Draisaitl (verfasst vom Autor dieses Artikels).
„Ich höre immer: McDavid, McDavid – nein, Leon ist der beste Eishockeyspieler der Welt“, sagt Marco Sturm, der ehemalige Bundestrainer (Olympia-Silber 2018), der künftig das NHL-Team der Boston Bruins coachen wird. Er schrieb das Vorwort zur Biografie und legte sich fest: „Sportlich hat er die Extraklasse, die Dirk Nowitzki im Basketball verkörperte. Und wir haben keinen Fußballer, der so gut ist wie Leon im Eishockey.“ Soll heißen: Kein Wirtz, kein Musiala reicht an Draisaitl heran, den besten deutschen Mannschaftssportler.
Aber Draisaitl fehlt halt noch die Vollendung, und das setzt ihm zu. Um die persönlichen Auszeichnungen geht es ihm nicht – wobei er in dieser Kategorie zu schlecht wegkam in 2024/25. Die Maurice-Richard-Trophy bekam er für die meisten Tore, bei allen Wahlen wurde er knapp geschlagen. MVP der Saison – Zweiter hinter Winnipegs Torhüter Hellebuyck. All-Star-Team: bei den Mittelstürmern ein paar Stimmen hinter Nathan MacKinnon (Colorado). Er sagte, er würde gerne die Selke-Trophy gewinnen, die die defensiven Leistungen der Stürmer würdigt, Draisaitl hatte absurd gute Werte in der Plus-Minus-Statistik – doch da lag der Finne Aleksander Barkov (Florida) vorne. Hätten die Oilers die Finalserie noch gedreht, wäre er der erste Anwärter auf den Playoff-MVP gewesen – durch die Niederlage erübrigte sich das, die Wahl fiel auf Sam Bennett (Florida). Am wichtigsten aber wäre ihm der Stanley Cup. Für den Mannschaftserfolg „würde ich alle persönlichen Pokale hergeben – das kann ich nur immer wieder sagen“, lautet seine Aussage.
Draisaitl ist seit elf Jahren in Edmonton, er hat 886 Mal für die Oilers gespielt. Er hat sich dem Club mit der wuchtigen 80er-Jahre-Geschichte (bis 1990 fünf Cup-Erfolge) verschrieben mit dem neuen Acht-Jahres-Vertrag, der nun anläuft. McDavid ist zehn Jahre, 808 Spiele und noch einige Scorerpunkte mehr als Leon da, auch mit ihm soll es langfristig weitergehen. Das Konzept ändert sich nicht. Die Oilers haben das älteste Team, es wird für kommende Saison sogar höher gewettet als Florida – doch die Zeit rinnt dahin: Draisaitl wird im Oktober 30, McDavid ist ein Jahr jünger.
Leon Draisaitl ist geknickt, dass es wieder nicht reichte. Obwohl seine Eltern eingeflogen waren zum Finale. Obwohl auch Moritz Müller, Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, nach Nordamerika gereist war, um ihn im Fantrikot zu unterstützen. Er braucht den Sommer, um einen Neuanfang zu nehmen. Im vorigen Jahr war er als Tourist in Paris, wo er für Niklas Wellen, Ehemann seiner Schwester Kim, schrie, der im deutschen Feldhockeyteam spielt und Olympia-Silber gewann. In den kommenden Wochen wird ihn seine Hochzeit beschäftigen. Celeste Desjardins, seine Verlobte, eine kanadische Schauspielerin, feierte mit den Partnerinnen der anderen Spieler zu Beginn der Finalserie Junggesellinnen-Abschied in Griechenland.
Im Oktober beginnt die neue Saison. 82 Spiele plus plus plus plus. „Was tun? Es natürlich wieder versuchen“, sagt Leon Draisaitl.GÜNTER KLEIN