Die deutsche Zukunft: Helen Kevric. © Woitas/dpa
Vorfreude: Bald-Mama Seitz im Urlaub „zu dritt“. © Insta
Elisabeth Seitz prägte das deutsche Turnen über 15 Jahre – im November erwartet die 31-Jährige erstmals Nachwuchs. © IMAGO/Bremes
München – Elisabeth Seitz sitzt im Auto, wie so oft in den letzten Wochen. Denn der Alltag der deutschen Rekordmeisterin im Turnen ist nicht weniger voll, seitdem sie im Rahmen des Deutschen Turnfests in Leipzig ihr Karriereende verkündet hat. Studium, Trainerschein, Vorträge, Kindersport: Es gibt so viel zu tun, ehe die 31-Jährige im November Mama wird. Ein Gespräch über das Loslassen, Purzelbäume im Bauch, den Missbrauchsskandal und das deutsche Turnen nach ihr.
Frau Seitz, wir erreichen Sie im Auto. Wo befinden Sie sich auf dem Weg in Ihr neues Leben?
Gefühlt überall (lacht). Ich studiere, nehme Termine wahr, solange es meine Schwangerschaft noch zulässt. Psychisch – das gebe ich zu – ist alles noch etwas gewöhnungsbedürftig. Aber im positiven Sinne.
Ihr Abschied war sehr emotional.
Trotzdem weiß ich, dass ich die Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt gefällt habe, alles fügt sich. Aber dadurch, dass ich mein Leben lang Turnerin war, werde ich das nicht ablegen können. Das will ich auch gar nicht. Diese Sportart wird für immer meins bleiben. In mir herrscht ein großer Mix aus Vorfreude, Stolz und etwas Wehmut. Einen Fuß in die Turnhalle habe ich noch nicht wieder gesetzt.
Bewusst?
Nein. Es war einfach keine Zeit. Aber das spezielle Gefühl in der Turnhalle, die Geräuschkulisse und der Geruch von Magnesia gehen mir natürlich ab (lacht).
Ihr Leben war fast drei Jahrzehnte lang eng getaktet. Können Sie jetzt morgens mit gutem Gewissen liegen bleiben?
Schon. Aber es ist ein anderes Liegenbleiben als früher. Nach 30 Stunden Training war es die Belohnung für harte Arbeit. Jetzt muss ich es mir schon auch selbst erlauben, die neu gewonnene Zeit zu genießen. Das muss ich noch lernen.
Dabei haben Sie genug Dinge, für die Sie sich belohnen könnten. Sie sind deutsche Rekordmeisterin, haben an drei Olympischen Spielen und zehn WMs teilgenommen. Gab es für Sie die „beste“ Zeit Ihrer Karriere?
Geprägt haben mich nicht nur die Erfolge. Immer wieder bleibe ich bei der WM 2011 in Tokio hängen. Wir waren ein cooles Team, haben aber auch rund um den Wettkampf so viel erlebt, die Kultur und die Stadt kennengelernt. Am fittesten habe ich mich bei der Heim-WM 2019 gefühlt. Da war ich auf einem Level, auf dem ich wusste: Ich bin bereit für alles! Das war schon ein tolles Gefühl.
Früher waren Frauen-Karrieren mit 20 Jahren vorbei. Sie haben das Turnen über 15 Jahre geprägt.
Mein Wille hat mich stark gemacht. Ich habe es immer geschafft, extrem schnell wieder nach vorne zu blicken – auch nach den größten Rückschlägen. Selbst in der Reha, weil ich wusste, wofür ich es tue: Für den Spaß in der Turnhalle, der mir so wahnsinnig viel gegeben hat. Wenn ich zurückschaue, kann ich aus voller Überzeugung sagen: Ich habe immer die Freude behalten. Und war beflügelt von dem, was zurückkam. Ich habe gemerkt, dass ich Vorbild bin.
Die „neue Generation“ steht in den Startlöchern – wie die vielen Medaillen bei der EM in Leipzig gezeigt hat. War abtreten für Sie somit leichter?
Auf jeden Fall. Als ich in die Nationalmannschaft gekommen bin, war das Männer-Team um Fabian Hambüchen, Marcel Nguyen und Philipp Boy extrem bekannt. Auf uns Frauen hat niemand geschaut. Dass sich das heute geändert hat – unsere Wettkämpfe sind ja inzwischen schneller ausverkauft –, macht mich schon stolz. Es hat ein wenig gedauert, ehe die Lücke der neuen Generation zu uns „Alten“ geschlossen wurde. Und ich habe immer gesagt, dass ich so lange weitermache, bis ich in dieser Hinsicht ein gutes Gefühl habe. Das habe ich jetzt, zu 100 Prozent.
Der Fokus lag immer extrem auf Ihnen – sehen Sie Parallelen zu Supertalent Helen Kevric?
Ich bin in die Rolle reingewachsen. Ich wusste, dass ich das Aushängeschild war, aber ich wusste immer das ganze Team hinter mir. Das hat mir Halt gegeben. Genau das wünsche ich auch Helen. Dass sie nie das Gefühl hat, alleine für Erfolg verantwortlich zu sein.
Wird Kevric bis zu den Olympischen Spielen 2028 in der Weltspitze sein?
Erstmal wünsche ich ihr, dass sie nach ihrer Verletzung wieder gut zurückkommt. Dass sie im Kopf frei ist, um Bestleistung zu bringen. Und dann ist für sie alles möglich. Sie wird ihren Weg gehen.
Ihren Weg und Ihre Erfahrungen geben Sie in Vorträgen weiter, wie Fabian Hambüchen.
Ich liebe es, Menschen mit meiner Geschichte motivieren zu können. Ich durfte schon so viel erleben, obwohl ich „erst“ 31 bin. Und es schlummern im Sport so viele Werte und Überzeugungen, die die Gesellschaft inspirieren können. Viele finden sich darin wieder.
Auch als TV-Expertin haben Sie schon fungiert. Eine weitere Option für die zweite Karriere?
Viel mehr. Es ist nicht nur mein Wunsch, sondern auch mein Ziel, im TV noch eine größere Rolle einzunehmen. Auch andere Sportarten, vielleicht sogar eine Rolle als Moderatorin, reizen mich total.
Ist auch der Weg zurück in die Halle denkbar?
Die Turnhalle kann man nie oft genug von innen gesehen haben (lacht). Ich bin da wirklich offen. Wenn ich dem Sport, der mir so viel gegeben hat, etwas zurückgeben kann, reizt mich das schon.
Welche Rolle nehmen Sie ab sofort bei der Aufklärung des Missbrauchsskandals ein?
Bewusst habe ich meine Geschichte erzählt, um zu helfen, dass all das, was in den letzten Jahren schlecht gelaufen ist, nicht mehr vorkommt. Es ist ein weiter Weg, das weiß ich. Aber es ist mein Ziel, dass wir in ein paar Jahren sagen können: Damals war es schlimm – aber wir haben es geschafft, die Dinge zum Guten zu wenden. Ich wünsche mir, dass das Turnen zum Vorzeige-Sport wird, auf dem mit dem Finger gezeigt und gesagt wird: Aus der Krise ist Großes entstanden.
Das müsste aber mit einem Kulturwandel einhergehen. In vielen tausend Turnhallen der Republik.
Aber davon darf man sich doch nicht abschrecken lassen – im Gegenteil. Der DTB ist nach dem DFB der zweitgrößte Verband, die Verantwortung ist riesengroß. Es stecken so viele Menschen dahinter, die den Sport lieben. Von Jung bis Alt, von Klein bis Groß soll jeder in einem optimalen Rahmen turnen können. Wenn ich mein Kind ins Turnen schicke, will ich sagen: das ist das richtige Umfeld.
Darf Ihr Kind denn Turnen – oder muss es gar?
(lacht) Es muss Sport machen. Aber welche Sportart, darf es selbst entscheiden. Wenn es Turnen ist, ist es schön. Und ich hätte auch keine Skrupel, wenn es meinen Weg gehen würde.
Macht es denn schon Purzelbäume im Bauch?
Und wie! Vorwärts und rückwärts (lacht).
INTERVIEW: HANNA RAIF