Lea Schüller soll vorne für die Tore sorgen. © IMAGO/Ossowski
St. Gallen – St. Gallen ist gewiss nicht zuerst für Fußball bekannt. Touristen besuchen in dieser südlichen Region des Bodensees meist Stiftskirche und Stiftsbibliothek, die bestens zum gemütlichen Antlitz dieses unaufgeregten Städtchens auf Schweizer Seite passen. Fußball wird ein ganzes Stück draußen im Kybunpark gespielt, am Freitag trifft die deutsche Frauen-Nationalmannschaft bei ihrem EM-Auftakt auf Polen (21 Uhr/ARD und DAZN).
Dafür haben sie lange genug auf den Startschuss hingefiebert, für den die am Bodensee aufgewachsene Kapitänin Giulia Gwinn versicherte: „Es brennen alle.“ Das erste Spiel gegen den EM-Neuling soll auf dem Weg zum Gipfelsturm nicht zum Stolperstein werden.
In der 2008 eröffneten Heimstätte des FC St. Gallen hat Hansi Flick als Bundestrainer im September 2021 seinen Einstand gegeben: Ein WM-Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein gewann seine Nationalelf damals mehr schlecht als recht mit 2:0. Weil Flick in seiner Zeit als Sportdirektor die Leitlinien entwarf, an denen Wück früher als DFB-Nachwuchscoach kräftig mitgearbeitet hat, die ihm bis heute als erste Orientierung dienen, schließt sich ein verbandsinterner Kreis.
Für den 52-Jährigen ist die Polen-Partie gleich ein „Knackpunkt, um in diesen Flow reinzukommen. Jede deutsche Mannschaft, egal ob Männer oder Frauen, die irgendwann mal etwas gewonnen hat, hat eine Siegermentalität entwickelt.“ Nur: Beim letzten EM-Titel der DFB-Frauen 2013 in Schweden dauerte es eine ganze Vorrunde, bis das Sieger-Gen implantiert war: Einer Nullnummer gegen die damals noch zweitklassigen Niederländerinnen folgte ein Pflichtsieg gegen die Isländerinnen, dann eine Niederlage gegen die Norwegerinnen. Es rumpelte in drei Gruppenspielen so kräftig, dass die inzwischen für die Schweiz als Torwarttrainerin tätige Nadine Angerer erstmal das Team ohne Bundestrainerin Silvia Neid zur Aussprache auf der Insel Öland versammelte, um auf Titelkurs zu kommen.
Der Verband sehnt sich nach Olympia-Bronze von Paris nach dem nächsten Ausrufezeichen für den Frauenfußball. Die Nachwuchsteams haben empfindliche Rückschläge erlitten, was über eine größere Breite aufgefangen werden soll. Weil Wück im männlichen Bereich ausgiebig bewiesen hat, jungen Kräften zu vertrauen, erhielt der Mann überhaupt den Zuschlag für das Aushängeschild des Frauenfußballs.
Der Wohlfühlfaktor ist nach dem Wolfgang-Petry-Besuch und dem Ausflug auf den Berg Rigi ist riesig. Zudem kennt jede ihre Rolle: Die Startformation, die Ende Mai in Bremen gegen die Niederlande (4:0) auftrumpfte, genießt beim ersten EM-Spiel das Vertrauen.
Wück hat auch nicht die Befürchtung, dass Rebecca Knaak und Janina Minge in der Abwehrzentrale gegen Starstürmerin Ewa Pajor womöglich zu langsam seien. „Wir haben in der Nations League bewiesen, dass wir in der Lage sind, zu Null zu spielen. Die Mannschaft hatte in diesen sechs Spielen eine Gegentor-Quote von 0,67“, argumentierte der Bundestrainer. Man könne „immer weiter darauf herumreiten, dass wir in der Defensive nicht die absoluten Weltklasse-Spielerinnen haben, aber ich bin der Meinung, dass wir sowohl in der Offensive als auch in der Defensive sehr gut aufgestellt sind.“ Das muss jetzt nur noch vom achtfachen Europameister bewiesen werden. FRANK HELLMANN