Lille – Rauf auf den Sattel und gleich Vollgas: Am Samstag startet die Tour de France – und Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel fürchtet gleich zu Beginn folgenreiche Stürze. „Wir werden versuchen, zu überleben und die ersten zehn Tage ohne Probleme zu überstehen“, kündigte der belgische Kapitän vom Team Soudal Quick-Step vor dem Grand Départ in Lille an. „Freue ich mich darauf? Nein, aber ich muss sie fahren“, sagte Evenepoel mit Blick auf die ersten Etappen, die größtenteils voraussichtlich im Massensprint entschieden werden: „Am Ende werden wir sehen, wer das Schlachtfeld ohne Sturz oder Verletzung verlassen hat.“
„Wir versuchen, zu überleben“
Erst danach geht laut Evenepoel der Kampf der Favoriten um das Gelbe Trikot los. Und da ist die Frage, wer Superstar Tadej Pogacar stoppen kann. „Es wird ein harter Kampf bis nach Paris, aber ich bin bereit“, sagte der Slowene, der mit dem vierten Triumph seine beeindruckende Jagd nach den Rekorden von Eddy Merckx & Co. fortsetzen will.
Neben Evenpoel spekuliert Jonas Vingegaard, der Tour-Champion von 2022 und 2023, auf eine Topplatzierung. Bei der Dauphiné-Rundfahrt zuletzt war er aber nicht in der Lage, Pogacar zu halten. 2024 erdrückte Pogacar bei der Tour die Konkurrenz mit sechs Etappensiegen und mehr als sechs Minuten Vorsprung in der Gesamtwertung auf Vingegaard. „Ich muss besser sein als vor zwei Jahren“, sagt der Herausforderer, der sich in diesem Jahr ganz auf die Tour konzentriert hat.
Dagegen hat Pogacar im Frühjahr nahezu keinen Klassiker ausgelassen und beeindruckende Siege bei der Flandern-Rundfahrt und Lüttich-Bastogne-Lüttich gefeiert. Elfmal hat er in dieser Saison schon wieder gejubelt, der nächste Sieg ist gleichzeitig sein 100. Karriereerfolg. „Er ähnelt mir am meisten, aber man sollte die Generationen nicht vergleichen“, sagte Merckx über den neuen Kannibalen im Peloton.
Bis zum nächsten Tour-Triumph hat Pogacar aber noch einige Herausforderungen zu bewältigen. Fünf Bergankünfte stehen in diesem Jahr auf dem Programm, darunter der berüchtigte Mont Ventoux, wo einst der Brite Tom Simpson auch wegen der Einnahme von Aufputschmitteln starb. Der Col de la Loze steht ebenfalls im Programm. Dort erlebte Pogacar 2023 einen historischen Einbruch. Das sei „einer der schlimmsten Momente“ seiner Karriere gewesen.
Sogar auf der sonst unspektakulären Schlussetappe ist noch was möglich, wenn es dreimal über den Montmartre-Anstieg geht, was bei Olympia ein großes Highlight war. Bis zum Zielstrich auf den Champs Élysées in Paris sind es 3338,8 Kilometer. Schon auf der ersten Etappe in Lille ist mit einem Massensprint zu rechnen, wie bei der letzten Ankunft 2014, als der Deutsche Marcel Kittel triumphierte. Pogacar dürfte sich dann zurückhalten – schließlich will natürlich auch er das Schlachtfeld unbeschadet verlassen.DPA