„Glücksfall“: Trainer Sven Bender. © Imago/Leifer
Muss den Verein für die Zukunft rüsten: Manni Schwabl. © IMAGO/Wagner
Der Abstieg in die Regionalliga, die herbe Enttäuschung im Finale des Totopokals, der abgestürzte Aktienkurs. Es gibt viel aufzuarbeiten für Haching-Boss Manni Schwabl. Unser Interview.
Manni Schwabl, nach der enttäuschenden letzten Saison wurde eine schonungslose Analyse angekündigt. Wie fällt die aus?
Wir müssen das Haching-Haus noch mal neu bauen. Das war schon eine harte Landung, wir sind auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Die 3. Liga hat sich brutal weiterentwickelt. Der durchschnittliche Etat liegt bei sechs Millionen Euro, wir sind mit knapp drei Millionen angetreten. Wir müssen uns eingestehen, dass wir mit unserer derzeitigen Gesamtstruktur in der 3. Liga nichts zu suchen haben, weil die Anforderungen halt immer höher werden. Das müssen wir uns jetzt einfach wieder erarbeiten. Gegen Bielefeld hatten wir über 8000 Fans und haben aufgrund der hohen Sicherheitsmaßnahmen trotzdem draufgezahlt. Und bei der Kaderplanung hatten wir kein gutes Händchen. Wir haben versucht, uns da oben wichtig zu machen, und haben viele Spieler geholt, bei denen wir dann gemerkt haben, dass sie die Haching-DNA nicht verkörpern. Da war letztendlich auch Aktionismus dabei, da müssen wir ehrlich sein. Das wird mir so nicht mehr passieren. Natürlich haben Markus und Marc Unterberger die Kaderplanung mitgestaltet. Aber wer mich kennt, der weiß, dass ich doch immer das letzte Wort haben muss. Da habe ich den ein oder anderen durchgedrückt, der uns auf die Füße gefallen ist. Vielleicht haben wir diese Bruchlandung jetzt aber auch gebraucht.
Sie sprechen die Kaderplanung an. Gab es jetzt mal die Überlegung, eine externe Kraft in die sportliche Leitung zu integrieren?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben ja Leute, die von außen draufschauen, da holt man sich immer Rat. Da brauchen wir nicht noch eine weitere Festanstellung.
Es gibt Kritik, dass es bei der Kombi Schwabl-Schwabl eben eine Person geben muss, die bei der sportlichen Planung auch mal Kontra geben muss.
Dafür ist der Trainer da. Natürlich gibt der Verein die Richtung vor. Aber dann holt man sich einen Trainer, der das Konzept grundsätzlich mitträgt und das macht der Sven Bender. Wir sprechen uns bei der Kaderplanung ganz genau ab. Sven ist ein absoluter Glücksfall. Es ist eine Freude, wie er mit den Spielern umgeht. Er kann sich jetzt komplett entfalten, seinen und für uns den richtigen Spielstil entwickeln. Sven ist sicher auch kein Freund von bunten Fußballschuhen und Rollkoffern, aber halt wesentlich näher an dieser neuen Generation dran und spricht die Sprache der Spieler (lacht).
Im Idealfall gelingt Bender dann in ein paar Jahren der nächste Schritt, wie es bei Sandro Wagner der Fall war.
Sandro weiß, dass sein Sprungbrett Unterhaching war. Er hat sich auch oft bei uns bedankt. Bei ihm gab es immer offenes Visier, er hat von Anfang an gesagt, dass er nach zwei, drei Jahren den nächsten Schritt machen möchte. Sandro wird mit seiner Akribie und Qualität weiter Erfolg haben, da kann sich Augsburg freuen.
Zurück zu Haching. Bei der Aktionärs- und Mitgliederversammlung sind Sie mit einer überwältigenden Mehrheit wieder gewählt worden. Es gab nur eine Gegenstimme. Hätten Sie mit mehr Gegenwind gerechnet?
Ich habe mir im Vorfeld darüber gar nicht so viele Gedanken gemacht. Alle drei Jahre gibt es eine Neuwahl. Ich habe eigentlich gedacht und auch gehofft, dass sich da auch mal neue Personen melden und einbringen wollen. Da geht es ja nicht immer gleich um eine Opposition, sondern auch um Mitspieler, das Ergebnis ist bekannt. Nur reden und bei Social Media posten, bringt dem Projekt ja nichts, weil ich das eh nicht lese. Wenn dann immer rumgeistert, was mit den Adeyemi-Millionen passiert ist. Ich bin davon bestimmt nicht in den Urlaub gefahren, sondern damit wurde das jährliche Defizit aufgefangen sowie weiter intensiv in unser Nachwuchsleistungszentrum investiert. Bei der Mitgliederversammlung habe ich gesagt: Jetzt Feuer frei. Ich war bereit für verbale Zweikämpfe. Und dann geht es auch nicht darum, Leute wegzubügeln, sondern ausreden zu lassen. Jeder hat das Recht, seine Meinung zu äußern und die Zweikämpfe wurden fair geführt. Ich kann nur sagen: Ich brenne mehr als je zuvor für Haching und lasse mir unsere gemeinsame Vision nicht nehmen.
22 Spieler haben Haching verlassen. Neben einigen erfahrenen Ankerspielern wird jetzt wieder voll auf den eigenen Nachwuchs gesetzt.
Die Chefin vom Hotel in Schlanders hat bei der Ankunft gesagt: Die U19 kommt doch erst in drei Wochen. Ich habe gesagt: Moni, bleib locker, da hast du nichts verwechselt. Das ist unsere neue Boygroup, da verspüre ich direkt wieder eine andere Energie. Von unten kommt in den nächsten Jahren wieder richtig Qualität nach. Jetzt schlägt genau die Stunde der jungen Spieler. Wer jetzt keinen Bock hat und nicht alles in die Waagschale schmeißt, dem ist nicht mehr zu helfen. Letztes Jahr hatte ich das Gefühl, dass manche Spieler nicht alles gegeben haben, das hat mich krank gemacht. Nach meiner Zeit bei 1860 habe ich damals einen Vertrag in Italien bei Treviso unterschrieben. Ich habe aber gleich gemerkt, dass es nicht passt und um die Vertragsauflösung gebeten. Einen Baum kannst du halt nicht verpflanzen. Klar, München ist schön mit der Landschaft und dem Nachtleben. Aber du musst eben auch Gas geben. Wir wollen Spieler, die das verinnerlichen. Da reise ich künftig lieber mit unserer Boygroup durch die Regionalliga als mit fremden Spielern auf Krampf in der 3. Liga zu sein. Die 3. Liga kommt für uns übrigens erst wieder in Frage, wenn wir wirtschaftlich und strukturell dafür bereit sind.
Ein wichtiges Thema, der Stadionkauf. Die Frist für das Vorkaufsrecht ist verstrichen.
Es gilt weiter unverändert, dass wir uns unsere Heimat sichern wollen. Das ist ein elementarer Baustein für die Zukunft von Haching. Aber auch da brauchen wir einen strategischen Mitspieler, um eine solide Basis zu haben, denn es braucht auch hier eine wirtschaftliche Vernunft. Wir sind am Zug und müssen jetzt nachweisen, dass wir es stemmen können. Aktuell im Trainingslager merke ich, dass ich noch nicht richtig in der Realität angekommen bin. Das letzte Jahr hallt noch richtig nach, da gab es zu viele Ohrfeigen. Aber wir werden uns neu sammeln, zurück zu den Wurzeln kehren und einen Neuaufbau starten. Wir haben heuer 100-jähriges Jubiläum und ich habe bei der Versammlung schon gescherzt, dass ich als Präsident richtig was vorweisen kann. In der 3. Liga gestartet, mit Vision von der 2. Bundesliga, jetzt in der Regionalliga – aber Hauptsache ein eigenes Jubiläumsbier (lacht).
NICO-MARIUS SCHMITZ