Jubel, aber keine Spur von Euphorie

von Redaktion

Deutschlands Bundestrainer Christian Wück will eine spielerische Steigerung.

An Einsatz mangelt es nicht: Hier kämpfen Rebecca Knaak (r) und Dänemarks Amalie Vangsgaard um den Ball.

Da fiel viel Last von ihren Schultern: Sjoeke Nüsken bejubelt ihr Elfmetertor zum 1:1 gegen Dänemark. © Gollnow/dpa (5)

Basel – Es gab am Tag danach einiges zu besprechen, als DFB-Präsident Bernd Neuendorf mit Sportdirektorin Nia Künzer das Pressezentrum am Kalanderplatz in Zürich aufsuchte. Eine Talkrunde, die vom Timing nach dem EM-Viertelfinaleinzug der deutschen Fußballerinnen durch den Kraftakt gegen Dänemark (2:1) besser nicht hätte angesetzt werden können – und dabei nicht in Verdacht geriet, Schönfärberei zu betreiben.

Die selbstkritische Attitüde, die im St. Jakob-Park bereits Bundestrainer Christian Wück und die meisten Spielerinnen offenbarten, setzte der Verbandschef nahtlos fort. Man werde nicht dazu neigen, „positive Dinge darzustellen, die die erste Halbzeit nicht gut gelaufen sind“: Man habe „das erste Ziel erreicht, aber alle sehen, dass es noch Potenzial gibt“, führte der 64-Jährige aus. Die eingewechselte Mittelfeldspielerin Laura Freigang ergänzte: „Wir merken schon, dass es nicht von allein geht, aber das ist auch keine Überraschung, dass es harte Spiele sind.“ 17 000 deutsche Fans in Basel und rund sieben Millionen Fernsehzuschauer bei der ARD werden nach dem „Mentalitätssieg“ (Wück) kaum widersprechen.

Nun geht’s im Letzigrund vor der Haustür des Basecamps in Zürich gegen Schweden (Samstag 21 Uhr/ZDF) um den Gruppensieg – und danach warten entweder Frankreich, England oder die Niederlande in der K.o.-Runde. Im weiteren Turnierverlauf müsse „eine Steigerung“ her, forderte Neuendorf. Nicht jeder seiner Vorgänger hat für die oft kritikfrei behüteten Frauen so realistische Einschätzungen abgegeben. Klar, die Teamchemie stimmt, das spürte auch der DFB-Chef bei seinen ersten Besuchen, „aber ein gutes Miteinander garantiert nicht, weit zu kommen“. Diese Anmerkung streute Künzer ein. Auch die Weltmeisterin zog ohne Überschwang eine Zwischenbilanz: Das Aushängeschild ihrer Direktion sei zwar „auf einem guten Weg“, aber man solle „nicht zu euphorisch“ sein.

Es war gegen zähe Däninnen ja letztlich ein Kampf auf Biegen und Brechen. Der Dauerdruck in Halbzeit zwei zahlte sich aus. Mit Rückschlägen wie einem nach VAR-Intervention zurückgenommenen Führungstor und Elfmeter als auch einem Rückstand müsse ein Team erst mal fertigwerden. „Das macht was mit einer Mannschaft“, erläuterte Wück. Dass sein Ensemble gefühlige Botschaften an die verletzte Kapitänin Giulia Gwinn auf Tape und Trikot beim Teamfoto überbrachte, war das eine – dass die Gemeinschaft tatsächlich ohne Gwinn und Lena Oberdorf, sowieso ohne Marina Hegering und Alexandra Popp nach deren Rücktritten diese Widerstände überwand, war der wichtigste Entwicklungsschritt seit seinem Amtsantritt.

Jenes Fragezeichen schwebte stets über der Gipfelsturm-Mission. Für den Bundestrainer können deutsche Tugenden auch in der schönen Schweiz Berge versetzen. „Es gibt bestimmte Charaktereigenschaften, wo sich Frauen- und Männerfußball nicht unterscheiden. Mentalität hat deutsche Mannschaften immer ausgezeichnet.“

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