Gefeuert: Christian Horner. © Szilagyi/EPA
Salzburg – Die Meinungen gehen nur beim Zeitpunkt auseinander: Manche Experten im Formel-1-Fahrerlager halten es für zu spät, manche gerade noch rechtzeitig. Einigkeit herrscht in einem Punkt: Dass Red Bull die Reißleine gezogen hat und sich nach 20 Jahren von seinem Teamchef Christian Horner trennt, ist richtig. Weil der Brite das Erfolgsteam der vergangenen Jahre nach dem Tod von Red-Bull-Patriarch Dietrich Mateschitz durch seine Machtpolitik kontinuierlich in den Abgrund getrieben hat.
Neuer Teamchef wird Laurent Mekies, bis gestern noch Sportdirektor bei Red Bulls italienischen Nachwuchsteam Racing Bulls. Der Franzose soll wieder die Flügel verleihen, die unter Horner in den vergangenen Monaten zusehends gestutzt wurden. Mekies schwerste Aufgabe der nächsten Wochen: Superstar Max Verstappen vom Bleiben überzeugen. Zumindest ein kleiner Schritt dafür ist mit der Entlassung getan, denn der Niederländer hat sowohl den Chefs aus Österreich als auch den Mehranteilseignern aus Thailand klar gemacht: Eine gemeinsame Zukunft von Horner und dem amtierenden Weltmeister sei unwahrscheinlich.
Horner schuf sich letztlich sein eigenes Grab. Zwar hielt Red Bull nach der Affäre um ein angeblich übergriffiges Verhalten des Briten gegenüber einer Mitarbeiterin bis jetzt an ihm fest, doch das Verhalten des Teamchefs hatte die Vertrauensbasis nicht nur zwischen ihm und Verstappen grundlegend zerstört. Designguru Adrian Newey, Teammanager Jonathan Wheatley (er feierte am Wochenende als neuer Sauber-Teamchef gerade das erste Karrierepodium von Nico Hülkenberg) und Supertechniker Rob Marshall (wechselte zu McLaren) verließen wegen Horners Alleingängen Red Bull. Gute Ersatzleute wollten aus den gleichen Gründen nicht kommen. Auch deshalb musste Red Bull jetzt reagieren, auch deshalb ließ die thailändische Familie ihren Liebling jetzt fallen. Die Entscheidung fiel schon beim Rennen vor zwei Wochen auf dem Red-Bull-Ring. Ab da war es nur noch Sache der Anwälte.
Dass Horner ab sofort von allen Aufgaben entbunden wurde, hilft Red Bull, mehr aber nicht. Verstappens bis 2028 laufender Vertrag enthält Klauseln, die ihm den Ausstieg ermöglichen. Sollte der Niederländer beispielsweise nach dem letzten Rennen vor der Sommerpause (GP von Ungarn) nicht unter den Top-3 der Fahrer-WM stehen, kann er Red Bull Racing verlassen, wird hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Doch selbst ohne Klausel wäre der Niederländer kaum zu halten. „Wenn ein Fahrer nicht mehr will, wird es immer eine Lösung geben,“ so Ex-Formel-1-Pilot Ralf Schumacher zu unserer Zeitung.
Eins steht fest: Beim allseits anerkannten besten Fahrer der Welt geht es nur noch um zwei Teams: Entweder bleibt er bei Red Bull oder er wird zu Mercedes wechseln. Der Vorstand des Stuttgarter Weltkonzerns soll nach unseren Informationen Mercedes-Teamchef und ein Drittel-Teamanteilseigner Toto Wolff grünes Licht gegeben haben, mit Verstappen über einen Wechsel zu reden. Wie praktisch, dass beide kommende Woche einen spontanen Familienurlaub auf ihren Schiffen vor Sardinien einlegen.RALF BACH