„Die Liebe läuft mit“

von Redaktion

Das Weltrekord-Paar Jonas Deichmann & Josefine Rutkowski im Interview

„Das ist eine sehr interessante Art, sich kennenzulernen“: Jonas Deichmann und Josefine Rutkowski beim legendären „Läufchen“, hier am Main-Donau-Kanal entlang. © Privat

Am Sonntag startet Josefine Rutkowski (36) ihren Weltrekord-Versuch: 60 Triathlon-Langdistanzen in 60 Tagen. 228 Kilometer schwimmen, 10 800 Kilometer auf dem Rad und circa 2532 Kilometer laufen rund um Speyer (Rheinland-Pfalz). Der bisherige Frauen-Rekord liegt bei 30. Inspiriert wurde Rutkowski während der 120 Ironman von Jonas Deichmann (38). 18 Mal war sie dabei und fand in Deichmann nicht nur sportliche Inspiration, sondern auch einen neuen Partner. Unser Interview mit dem Weltrekord-Paar.

Josefine Rutkowski, Jonas Deichmann, wie verliebt man sich während eines Triathlons?

Josefine: Ich hatte mich letztes Jahr eigentlich für den Ironman in Frankfurt angemeldet. Und Triathlon ist ein sehr einsamer Sport. Gerade die letzten Monate vor einem Wettbewerb ist man nur alleine unterwegs. Ich saß zu Hause und habe gesehen, dass der Jonas aus seinem Weltrekord-Versuch ein Event für die Community macht. Ich habe mir gedacht: Einen Tag kannst du mitmachen, das wird ja nicht so schnell sein, Grundlagenausdauer. In dem Zeitraum hatte ich Geburtstag. Ich habe mich also selbst mit einer Langdistanz beschenkt. Ich habe direkt gemerkt, wie viel Spaß das macht, wenn der Triathlon nicht Teil eines Wettkampfs ist. Nicht so verbissen. Ich bin die Woche drauf direkt wieder hingefahren und nicht mehr weggefahren (lacht).

Jonas: Die Josi ist mir natürlich sofort aufgefallen (lacht). Sie hat die Langdistanz superlocker mitgemacht, ist immer wieder gekommen. Da ist sie herausgestochen. Gerade beim Laufen hatte man sehr viel Zeit, sich zu unterhalten.

Und aus den Unterhaltungen bei Ihrem legendären „Läufchen“ wurde Liebe.

Jonas: Beim Laufen haben wir uns immer besser kennengelernt. Aber wir hatten null Privatsphäre. Wir sind zwar nebeneinander gelaufen, hatten schöne Gespräche, aber mit ein paar Dutzend Menschen dahinter. Das ist eine sehr interessante Art, sich kennenzulernen (lacht). Wir haben während des Projekts gemerkt, dass es eben mehr ist als nur die netten Plaudereien. Dass da was Ernstes entsteht, die Liebe ist mitgelaufen (lacht).

Frau Rutkowski, wann haben Sie das erste Mal den Namen Jonas Deichmann gehört?

Josefine: Mein Papa war die treibende Kraft. Er hat mir vor paar Jahren erzählt: Schau mal, da gibt es doch einen, der einen Triathlon um die Welt macht. Da habe ich gesagt: Ja, ganz cool, aber das ist doch kein richtiger Triathlon.

Jonas: WAS?

Josefine: (lacht) Das war ja so ein Abenteuer-Triathlon. Ich habe das Ganze verfolgt und spätestens beim Lesen des Buchs gemerkt, dass es doch recht spannend ist. Ich fand es total mutig. Wir tanzen alle in einer Reihe, bloß nicht auffallen. Jonas hat einfach mal was anderes gemacht, was Neues.

Das tun Sie jetzt auch. Sie haben Ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben und starten ab Sonntag Ihren eigenen Weltrekord-Versuch.

Josefine: Das war keine Hauruck-Aktion. Das ist länger in mir geschlummert. Mir hat der Job als Lehrerin Spaß gemacht, aber ich bin nicht mit Inbrunst hingegangen. Sport war immer meine Leidenschaft, das Draußen-sein war immer meine Leidenschaft. Ich brauchte immer jemanden, der mich anstupst. Jonas hat gesagt: Komm, mach doch noch eine Langdistanz mehr, du kannst das.

Herr Deichmann, Sie waren vermutlich sofort Feuer und Flamme.

Jonas: Na klar! Man sagt immer: Etwas ist unmöglich, bis einer kommt und es einfach macht. Das bekannteste Beispiel ist Reinhold Messner, da hieß es, man kann einen Achttausender nicht ohne Sauerstoff besteigen. Dann begreifen die Menschen plötzlich: Ah, es geht doch. Mir war in Roth schon klar, dass in naher Zukunft der Frauen-Rekord gebrochen wird. Und es hat sich schnell abgezeichnet, dass Josi die heißeste Kandidatin dafür ist (lacht).

Worauf kommt es an?

Jonas: Die große Herausforderung ist, dass es keinen Puffer gibt. Es gibt viele, die an einem Tag Höchstleistung bringen können, aber hier geht es um zwei Monate. Wenn du ein paar schwache Stunden hast, ist das Projekt vorbei. Du darfst dir keine längere Schwächephase erlauben. Klar, körperliche Fitness ist Grundvoraussetzung. Aber du musst auch mental immer voll da sein. Josi hat perfekte Einblicke in die Logistik bekommen und sich ein wunderbares Team aufgestellt. Ein weiterer Punkt: Die Verletzungen kommen oft vom Laufen – und Josi ist eine unglaublich starke Läuferin mit einer überragenden Ausdauer.

Frau Rutkowski, wie liefen die letzten Monate ab?

Josefine: Einsam. Sehr einsam (lacht). Ich war noch nie so viel alleine. Jeder Tag hat sich gleich angefühlt. Ich wusste manchmal nicht mehr, welcher Wochentag ist. Auf Mallorca hat das Wetter nicht so mitgespielt, es gab viele Einheiten im Regen. Die letzten sechs Monate haben daraus bestanden, dass ich vier bis acht Stunden Sport pro Tag trainiert habe. Dazwischen habe ich zugesehen, wie ich meine Wäsche wasche, einkaufe, mich verpflege … Ich bin um 5.30 Uhr aufgestanden und war um 21.30 Uhr mit meiner Projektvorbereitung fertig. Das hat mir alles Spaß gemacht. Aber es hat einen definitiv in seiner Freiheit eingeschränkt.

Herr Deichmann, Sie werden sicher einige Langdistanzen mit absolvieren?

Das lasse ich mir nicht nehmen. Ich bin größtenteils mit dabei. An den meisten Tagen werde ich die Hälfte mitmachen, auch die ein oder andere Langdistanz.

Und die restliche Zeit stehen Sie mit selbstgebastelten Plakaten an der Strecke?

Josefine: Ich habe Kunst studiert und war Kunstlehrerin. Daher würde ich mich sehr freuen, wenn Jonas ein Plakat bastelt und das hochhält.

Jonas: Ich muss hier bemerken, dass ich letztes Jahr in Roth sehr viele Plakate hatte, aber keins von unserer Kunstlehrerin (lacht).

Sie wirken beide tiefenentspannt. Bleibt das so?

Josefine: Ich werde bei so einem Projekt einfach ruhig. Ein, zwei Tage vor dem Start ist meine Aufregung am Höhepunkt. Danach komme ich in meinen Tunnel rein und weiß, was zu tun ist. Jonas und ich werden die ruhigsten von allen sein. Da ist eher die Familie und das Team nervös (lacht).

Jonas: Ich hatte im Krankenhaus einmal einen Ruhepuls von 37, da haben die Geräte immer Alarm geschlagen, ob ich noch da bin (lacht). Wir sind super vorbereitet. In den Tagen zuvor geht es um Entlastung, den Sport nochmal genießen. Denn ab Start hast du 60 Tage keine Freizeit mehr. Ich hatte keine fünf Minuten für mich während des Projekts.

NICO-MARIUS SCHMITZ

Artikel 11 von 11