Härtetest Schweden

von Redaktion

DFB-Frauen wollen Gruppensieg gegen den Lieblingsgegner

Zum Feiern aufgelegt, die schwedischen Fans. © Imago

Zürich – Nia Künzer hält Augen und Ohren in Zürich ständig offen. Morgens das Training im schönen Sportzentrum Buchlern verfolgen, tagsüber sich mit den deutschen Fußballerinnen besprechen, abends auch mal die Konkurrenz im Stadion Letzigrund beobachten. Die möglichen Viertelfinalgegner Frankreich und England sind dort schon angetreten, nun duellieren sich am dritten EM-Gruppenspieltag Deutschland und Schweden (Samstag, 21 Uhr/ZDF). „Grundsätzlich gute Erinnerungen“, merkte Künzer dieser Tage mit einem Schmunzeln an, habe sie an den Gegner.

Gemeint ist jenes Siegtor im WM-Finale 2003, als die junge Fußballerin vom 1. FFC Frankfurt über Nacht zum Golden Girl avancierte, die in jede Fernsehsendung musste, um ihre Geschichte zu erzählen. Ihr besonderer Kopfball war gleichzeitig der größte Schmerz, den die Schwedinnen bei insgesamt 21 Niederlagen in 31 Länderspielen gegen einen Angstgegner erlitten. Über Jahrzehnte schleppten die Frauenfußball-Nation den Makel mit sich herum, gegen die Deutschen im entscheidenden Moment zu verlieren. Oft unglücklich wie im EM-Halbfinale 2013 in Göteborg oder beim Olympia-Finale 2016 in Rio de Janeiro.

Erst im WM-Viertelfinale 2019 in Rennes wurde der Fluch gebannt. Mit dem dritten Platz bei der WM 2019 und 2023 sowie als Olympia-Zweiter 2021 holte der erfahrene Trainer Peter Gerhardsson das Optimum raus. Aber: Bei einer EM hat der Weltranglistensechste in sechs Vergleichen noch nie gegen die Deutschen gewonnen. Auch heute gibt es ihn wieder für die DFB-Frauen, den Schwedenhappen. „Sie haben per se ein gutes Team und bei Turnieren ihre Qualitäten gezeigt“, warnt Künzer, der „Standards, Physis und Kopfball“ imponieren.

Den Klassiker bezeichnet die 45-Jährige als „Battle um den Gruppensieg.“ Bei einem Erfolg würde man das Viertelfinale vor der Haustür des piekfeinen Teamquartiers am Uetliberg bestreiten, was auch den Vorteil hätte, im Halbfinale Weltmeister Spanien aus dem Wege zu gehen. Aber so weit sind die DFB-Frauen noch lange nicht. Anders als bei der EM 2022 in England gab es bislang weder eine spielerische Glanzleistung wie gegen Dänemark (4:0) noch ein taktisches Meisterstück wie gegen Spanien (2:0). „Wir müssen schauen, dass wir ein absolutes Toplevel mit allen im Team erreichen“, sagte Bundestrainer Christian Wück.

Der achtfache Europameister hat spielerisch viel Luft nach oben. „Wir sind selbstkritisch. Wir wollen uns steigern“, versicherte Mittelfeldkämpferin Elisa Senß. Neben ihr saß auf der Pressekonferenz die Verteidigerin Rebecca Knaak, die wie Senß eine Spätstarterin ist. Ihre beiden EM-Einsätze bedeuteten erst ihre Länderspiele fünf und sechs, denn die Defensivallrounderin hatte sich bei Bayer Leverkusen und beim SC Freiburg eigentlich damit abgefunden, eine solide Bundesligaspielerin zu sein – mehr aber auch nicht.

Sie musste erst drei Jahre beim FC Rosengard verbringen, um in Malmö noch mal eine grundsätzlich andere Haltung zum Leistungssport aufzubauen. Schweden nennt sie ihre „zweite Heimat, ich verbinde viel mit dem Land, habe enge Freunde dort.“

Als einziger DFB-Spielerin droht Knaak bei einer weiteren Gelben Karte eine Sperre. Ob Wück gegen die Skandinavierinnen rotieren wird, blieb zunächst offen. Der Respekt des Gegners ist unabhängig davon groß, die DFB-Auswahl sei „immer unsere ‚Geistermannschaft‘ genannt“ worden, sagte Magdalena Eriksson vom FC Bayern – auf Schwedisch „spöklag“, also Angstgegner. FRANK HELLMANN

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