Immer einen Schritt schneller, waren die Schwedinnen. Hier wird Sydney Lohmann gestoppt. © IMAGO/Bernd Feil / MiS
Muss dringend Lösungen finden: Christian Wück. © Imago
Zürich – Auch am Tag danach hat das Timing bei den deutschen Fußballerinnen nicht wirklich gepasst. Bei der öffentlichen Trainingseinheit im Sportzentrum Buchlern wieder gute Miene zum bösen Spiel zu machen, fiel nach der Lektion vom Letzigrund im dritten EM-Gruppenspiel gegen Schweden (1:4) eben nicht so einfach.
Und so waren am Sonntag viele gequälte Gesichter zu beobachten, als sich die Spielerinnen unter die 350 zugelassenen Personen am Waldrand von Zürich mischten. Der Fanclub Nationalmannschaft freute sich über Autogramme, einige Berater über Kontaktmöglichkeiten, ansonsten waren Angehörige und Freunde damit beschäftigt, den nötigen Trost zu spenden.
Zuvor hatte Bundestrainer Christian Wück ein erstes Krisengespräch nach der höchsten EM-Niederlage aller Zeiten angesetzt. Am freien Montag soll seine zerzauste Truppe auf andere Gedanken kommen, erst Dienstag geht es mit dem Training fürs Viertelfinale am Samstag in Basel weiter. Ist nur vordergründig viel Zeit, um tief liegende Mängel zu beheben. Es hängen dunkle Wolken über dieser Titelmission, die als inhaltsloses Gerede vom Zürichsee in die Annalen eingehen könnte, wenn nicht rasch Lehren gezogen werden. Die Spielräume sind deutlich kleiner geworden.
Gerade mal „vier Stunden“ habe sie geschlafen, berichtete Mittelfeldspielerin Sjoeke Nüsken beim einzigen Interview am Platzrand. „Es wird Veränderungen geben“, schob die 24-Jährige mit müden Augen nach. Weitere Nachfragen waren nicht möglich. Doch es braucht vertiefende Debatten, um dem Verfall der Viererkette besser vorzubeugen.
Wücks erste Reaktion klang zu oberflächlich. „Wir liegen jetzt am Boden, wir werden aber auch wieder aufstehen“, kündigte der 52-Jährige an, dem der waghalsige Matchplan krachend um die Ohren geflogen war. Die Rote Karte gegen Carlotta Wamser wegen Handspiels (31.) erklärte beileibe nicht die Anfälligkeit für Gegenstöße. Ein Kardinalproblem seit der Amtsübernahme des früheren Nachwuchstrainers, dass Ballverluste wie ein Bumerang im australischen Busch auf die DFB-Frauen zurückfliegen.
Erstmals klang bei den Führungsspielerinnen durch, dass die Herangehensweise womöglich (zu) leicht ausrechenbar ist. „Schweden macht natürlich auch seine Hausaufgaben. Wir haben uns manchmal zu sehr rausziehen lassen“, erklärte die verunsichert wirkende Torhüterin Ann-Katrin Berger. Wück lehnte die komplette Kehrtwende bereits ab: „Es ist falsch, wenn wir sagen, wir wollen jetzt nur reagieren und nur zerstören.“
Man könne sich mit dieser Mannschaft gar „nicht nur hinten reinstellen und nichts nach vorne tun: Dafür haben wir auch die falschen Spielerinnen.“ Der gebürtige Unterfranke scheint darauf zu setzen, dass sich bis zum ersten K.o.-Duell wieder Vertrauen in die Stärken ausbildet. „Wir werden uns schütteln und werden dann freudig und mit vollem Mut in dieses Viertelfinale gehen.“ FRANK HELLMANN