Rasant in die absolute Weltspitze: Florian Lipowitz (re.) kann auch nach über zwei Wochen Tour vom Podium in Paris träumen. © IMAGO
Der Talentspäher: Stams-Coach Florian Steirer. © IMAGO
Die Vergangenheit: Lipowitz war auch als Biathlet eine deutsche Hoffnung. © IMAGO
München – Er war beim Deutschen Skiverband vier Jahre lang für die Biathlon-Frauen zuständig. Doch Florian Steirers Leidenschaft ist die Nachwuchsarbeit. An Österreichs Kaderschmiede, dem Skigymnasium Stams, arbeitet der 43-Jährige mit den aussichtsreichsten Talenten. Eines davon war auch Florian Lipowitz, der bei der Tour de France gerade um den Sprung aufs Podium kämpft. Für Steirer eine einschneidende Begegnung.
Herr Steirer, ihr ehemaliger Schützling Florian Lipowitz sorgt gerade bei der Tour de France für Furore. Überrascht?
Null, überhaupt nicht. Er hat alles, was du für solche Leistungen brauchst. Das war uns schon lange klar.
Es war immerhin genug, dass sie ihn als Nicht-Österreicher 2015 ins Skigymnasium von Stams aufnahmen. Allerdings als Biathlet…
Ach, wir sind da eigentlich sehr offen. Da bekommt jeder die gleiche Chance, es bei uns zu versuchen. Aber der Flo war definitiv etwas Besonderes.
Was war das Besondere?
(lacht) Das überrascht wahrscheinlich nicht: Ausdauersport. Er und sein bruder Philipp, das waren mit die ausdauerndsten Athleten. Aber es ist nicht nur das. Das war deren Leben, die haben das gelebt. Die kommen aus einer extrem sportbegeisterten Familie. Die haben schon als kleine Buben lange Ausfahrten gemacht, sind mit dem Fahrrad über die Alpen. Die Familie ist auch hierher nach Seefeld gezogen. Er hat einen ganz anderen Weg gewählt als es die Sportwissenschaft vorsieht. Hat schon in ganz jungen Jahren extrem viel trainiert. Aber er hat das nicht als Training gesehen. Viele Athleten sagen bei einem schlechten Tag: Ok, jetzt trete ich mal kürzer. Er kannte das gar nicht. Er ist ein Gestörter im positivsten Sinn. So was Fokussiertes siehst du selten. Ich habe als Trainer schon mit einigen Athleten gearbeitet. Ich kann es gar nicht erklären, was das ist, aber eine Handvoll war anders. Zwei waren Weltmeister: Denise Herrmann und Laura Dahlmeier. Einer war der Flo.
Es mag blöd klingen: Sind Sie angesichts der Bilder aus Frankreich froh, dass Sie ihn verloren haben…
Auf gar keinen Fall. Aber das Rad war immer Flos Traum. Sein Papa ist Rennen gefahren, wenn auch nur auf Amateurniveau. Aber die Familie dachte sich: ´Sch… , das ist gefährlich.` Die haben ihn lieber beim Biathlon gesehen. Wenn wir in Stams Rad gefahren sind, dann war er glücklich. Als er bei uns sein erstes Rad bekommen hat … das war ein Specialized Network mit dem kleinstmöglichen Rahmen, weil er körperlich so ein Nachzügler war… hat er gestrahlt. Und wenn er damit nur zum Chips holen an die Tanke gefahren ist.
Hätte er auch im Biathlon das Zeug zur Weltspitze gehabt?
Mit Sicherheit. Zumal er im Schießen richtig gut war. Es gibt in Stams Leistungstests. Was denken Sie, wer immer noch den Rekord im Liegendschießen hält? Das ist Lipowitz Florian. Von 300 möglichen Ringen hat er, glaube ich, 292 geschossen. Er hat sich ein sehr interessantes Duell mit Danilo Riethmüller geliefert. Der war körperlich ein Frühentwickler, Flo ein Spätentwickler. Aber mit der Ausdauer hat er alles in den Schatten gestellt. Ich werde nie vergessen, als er bei unserem Leistungsdiagnostiker zur Atemgasanalyse auf dem Rad gesessen ist. Der hat seinen ganzen Stab zusammengerufen und gesagt: `Passt mal auf, was jetzt gleich passiert.` Er hat da alle Rekorde gebrochen.
Wie ist es letztlich zum Wechsel aufs Rad gekommen?
Ein Punkt war sicher die Gesundheit. Er hat zwei harte Jahre gehabt. Anders als sein Bruder, der ja einen Kreuzbandriss hatte. Bei Flo war es Morbus Schlatter, die Wachstumsfugen. Da hat er sehr gekämpft. So mit 16, 17 wird das gewesen sein. Da war Radfahren mit das Erste, was er wieder machen durfte. Das war so ein Scheidepunkt, anders als bei seinem Bruder, der geblieben ist. Einen Lipowitz behalten wir! Aber im Ernst: An Flos Fall siehst du auch, wie viel Glück da manchmal dazu gehört. Dass ich zufällig mit Dan Lorang befreundet bin, der zufällig beim Weltcup in Ruhpolding vorbeigeschaut hat. Dass der Dan mit dem Trainer des KTM-Teams in Tirol befreundet war, für das er zuerst gefahren ist … Talente gibt es so viele, aber bei ihm hat sich das alles gefügt. Aber das hat er auch verdient. Und ich glaube, das Leben im Internat bei uns hat ihm gutgetan. Er hat das genossen.
Und er ist gerade 24. Viele Radsportler kommen erst Ende 20 an ihren Zenit…
Das stimmt, wobei die Sportwissenschaft da ein bisschen umgeschrieben wird. Mittlerweile hast du immer mehr Fahrer wie Tadej Pogacar, Jonas Vingegaard oder Remco Evenepoel, die schon früh sehr gut ausgebildet und erfolgreich sind. Bei manchen fehlt vielleicht noch ein bisschen die Ermüdungswiderstandsfähigkeit. Die hat der Florian schon ganz früh gehabt.
Drücken Sie ihm vor Ort die Daumen?
Wir sind gerade am überlegen. Es ist bestimmt schöner, wenn einem bekannte Gesichter die Daumen drücken. Dass er das hoffentlich bis nach Paris bringt. Wir versuchen in Courchevel und La Plagne dabei zu sein. Nächsten Montag müssen wir dann ja schon wieder nach Oberhof – zum Training in der Skihalle.
INTERVIEW: PATRICK REICHELT