Held der Königsetappe: Ben O´Connor. © Imago
Musste sich alleine zurück kämpfen, dann folgte eine umstrittene Attacke von Florian Lipowitz. Die Bora-Strategie ging nicht auf. © De Meuleneir/Imago
„Die letzten zwei Kilometer habe ich gemerkt: Die Energie ist nicht mehr da“, sagte Florian Lipowitz. © De Meuleneir/Imago
Courchevel – Florian Lipowitz quälte sich die steile Schlussrampe auf den Col de la Loze hoch und die letzten Kräfte in den Alpen reichten so gerade, um den dritten Gesamtrang zu verteidigen. Der Jungstar durfte dank einer kämpferischen Leistung bei der brutalen Königsetappe der Tour de France sein Weißes Trikot behalten, doch sein Vorsprung auf dem Briten Oscar Onley schmolz von rund zwei Minuten auf 22 Sekunden.
„War die Hölle“
„Ich habe mich versucht zu peitschen, aber die letzten zehn Kilometer habe ich gemerkt: Die Energie ist nicht mehr da. Und dann war es nur noch eine Qual. Die letzten zwei Kilometer waren die Hölle“, sagte Lipowitz der ARD. Während er als Elfter ins Ziel kam, wurde Onley Vierter.
Der sonst so angriffslustige Tadej Pogacar verzichtete zunächst auf einen großen Angriff. Erst kurz vor dem Ziel ließ der 26-Jährige seinen Dauerrivalen Jonas Vingegaard als Etappenzweiter hinter sich und baute den ohnehin komfortablen Vorsprung um elf Sekunden auf 4:26 Minuten aus – knapp zwei Jahre nach seiner wohl größten Niederlage an Ort und Stelle kommt der Slowene seinem vierten Tour-Gewinn am Sonntag in Paris immer näher.
Vingegaard wollte trotz der schwindenden Chancen noch nicht ans Aufgeben denken. „Heute war ein brutaler Tag“, sagte der zweimalige Tour-Champion. „Wir waren ungefähr gleich auf. Bis auf die paar Sekunden. Die Tour ist noch nicht vorbei.“
Der Australier Ben O´Connor feierte den Tagessieg vor Pogacar und Vingegaard nach 171,5 Kilometern und satten 5.450 Höhenmetern zwischen Vif und dem Col de la Loze.
Pogacar lächelte, als Lipowitz kurz vor dem Anstieg zum Col de la Loze die Stars attackierte und sich zunächst wenige Minuten Abstand verschaffte. Der 24-Jährige wollte sich zeigen auf der großen Bühne. Mit seinem Angriff 32 Kilometer vor dem Ziel ging Lipowitz aber auch hohes Risiko ein, dass ihn beim harten Endspurt die Kräfte verlassen – und so sollte es auch kommen.
In den letzten fünf Kilometern fiel er zurück. Schon zuvor konnte er nicht auf die Unterstützung seines Kapitäns Primoz Roglic zählen. Der Slowene schloss sich früh im Rennen einer Ausreißergruppe an – und wartete zweiten großen Anstieg des Tages nicht auf seinen jungen Kollegen – 40 Kilometer vor dem Ziel waren sie wieder zusammen.
Der talentierte Jungprofi ist dennoch weiter auf dem Weg, als erster deutscher Profi nach Andreas Klöden vor 19 Jahren das Podium in Paris zu erreichen. Lange musste sich der Schwabe auch als Einzelkämpfer durchbeißen, weil sich sein Kapitän Primoz Roglic früh einer Fluchtgruppe angeschlossen hatte – und zwischendurch nicht daran dachte, seinen Kollegen zu unterstützen.
Vor der kräftezehrenden Etappe mit drei Anstiegen der höchsten Kategorie tankte Pogacar Kraft mit seiner Partnerin Urska Zigart, wie ein Foto auf der Plattform Instagram zeigte. Mit dem Alpenriesen Col de la Loze machte der Slowene in der Vergangenheit keine guten Erinnerungen. 2023 brach er an dem Berg völlig geschwächt ein. „Ich bin tot“, funkte Pogacar damals an sein Team. Pogacar fiel entkräftet zurück und ebnete gleichzeitig seinem Dauerrivalen Jonas Vingegaard den Weg zu seinem zweiten Tour-Erfolg.
Vingegaard sprach vor dem Start von einer „der härtesten Etappen der Tour de France, die wir je gesehen haben“ – die Radsport-Fans sollten nicht enttäuscht werden. Nach der Königsetappe steht am Freitag gleich der zweite Teil der spektakulären Klettershow in den Alpen auf dem Programm.