„Es muss nicht alles größer werden“

von Redaktion

Nadine Keßler spielt bei der Entwicklung des Frauenfußballs in Europa eine entscheidende Rolle. Die ehemalige Nationalspielerin, die 2013 Europameisterin und 2014 Weltfußballerin wurde, arbeitet seit 2017 für die Uefa, wo sie inzwischen als Direktorin den Frauenfußball leitet. Im Interview spricht die 37-Jährige über den Zuschauerzuwachs, die Wirtschaftlichkeit des Frauenfußballs und euphorische Waliserinnen.

Wie fällt ihr Fazit zur Frauen-EM in der Schweiz aus?

Die Schweiz hat sich total in den Frauenfußball verliebt, obwohl es vorher kein typisches Land für den Frauenfußball war. Das hat sich in den Zuschauerzahlen widergespiegelt. Wir hatten bei der Frauen-EM 2022 in England ohne die Spiele des Gastgebers einen Schnitt von rund 14 000. Jetzt lag der bereits in der Gruppenphase bereits bei 19 000, fast alle Spiele waren ausverkauft.

Es fällt sofort auf, dass die Zusammensetzung des Publikums anders ist als im Männerfußball.

Absolut. Ungefähr 47 Prozent der Besucher unseres Turniers sind weiblich. Bei der Männer-EM waren es 16 Prozent. Natürlich fühlen sich Frauen und Mädchen eher abgeholt, weil sie Vorbilder auf dem Rasen sehen. Das Publikum ist auch ein bisschen jünger. Das ist der Beleg, dass der Frauenfußball kein Gegner für den Männerfußball ist, sondern komplementär arbeiten muss. Der Frauenfußball ist zugänglicher für Familien, steht für andere Werte und die Tickets sind erschwinglicher.

Gab es für Sie einen besonderen Moment?

Ich habe jeden Tag ein Spiel gesehen, bin zu allen acht Spielorten und zu allen Verbänden getingelt. Wenn man gesehen hat, was es den Waliserinnen bedeutet hat, erstmals die Nationalhymne bei einer EM zu singen, geht das unter die Haut.

Ein Vorteil ist das kompakte Format mit 16 Teams. Bleibt es für die Frauen-EM 2029 dabei?

Im Moment gibt es keine Absichten, daran etwas zu ändern. Es muss nicht alles größer, größer, größer werden. Es kann dann wachsen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Wir haben im Frauenfußball viele Wettbewerbe auf den Kopf gestellt und die Nations League eingeführt. Als ich 2017 bei der Uefa angefangen habe, hatten wir rund 450 Spiele in der Verantwortung – jetzt sind wir bei 780. Wir haben dafür Investitionen getätigt.

Selbst diese EM wirft für die Uefa noch keinen Gewinn ab. Das Defizit beläuft sich auf rund 25 Millionen Euro…

Wenn wir nicht ein Ausrufezeichen für die Preisgelder gesetzt hätten (41 Millionen Euro, Anm. d. Red.), wären wir jetzt schon in der Gewinnzone. Wir müssen doch dafür sorgen, dass das Geld an die Verbände, die Vereine und nicht zuletzt die Spielerinnen zurückfließt, die auch viel investieren, dass eine EM so groß geworden ist.

Deutschland hat großes Interesse an der Ausrichtung der EM 2029, aber auch Italien, Portugal, Polen und vor allem Dänemark und Schweden. Ist Wirtschaftlichkeit das wichtigste Kriterium?

Es ist wichtig, dass wir schwarze Zahlen schreiben. Im Frauenfußball sollte man über vier Jahre nicht nur einen Schritt gehen, sondern am besten gleich drei machen. Für die EM 2017 mit den Niederlanden und 2021 mit England hatten wir nur einen einzigen Bewerber.

INTERVIEW: FRANK HELLMANN

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