„Mehr Lockerheit würde nicht schaden“

von Redaktion

Martin Kaymer kritisiert den traditionellen Golfsport und lobt die Saudi-Tour

Martin Kaymer bei den BMW Open am Abschlag – die Outfits waren ein Thema, ebenso die Stille. © Langer/dpa

Eichenried – Martin Kaymer verstand die Welt nicht mehr. Eigentlich freut er sich über die Abstecher in die Heimat – sowohl regional gesehen nach Deutschland, als auch sportlich auf die DP World Tour, die früher sein golferisches Revier war. Bei den BMW International Open in der Vorwoche musste er zum Ende hin aber schon auch den Kopf schütteln über einige Erlebnisse, die er machte. Beschwerten sich bei Turnierdirektor Marco Kaussler offenbar Menschen per E-Mail, dass Publikumsliebling und Emotionsbolzen Marcel Siem mit umgedrehter Kappe gespielt hatte. „Es ist komisch, dass er dafür einen drüber bekommt“, merkt der 40-Jährige an. Oder er selbst: In Runde drei trug er ein sogenanntes Turtleneck, ein Golfshirt mit einem stehenden Rundkragen – kein klassisches Polo-Shirt. „Da wurde mir sofort mitgeteilt, dass ich so etwas nicht tragen sollte, sondern einen ordentlichen Kragen.“

Dinge, die Kaymer, einst Deutschlands Vorzeigegolfer, zweifacher Major-Sieger und Ex-Nummer eines der Welt, gegen den Strich gehen. „Ein bisschen mehr Lockerheit würde dem Sport nicht schaden.“ Das steht für den Rheinländer, der in den USA lebt, fest. Entspanntheit, die er auf der LIV Tour, die 2022 gegründet wurde und der er seither angehört, findet. Dieses umstrittene neue Format, das die Stars der Szene mit Millionen des Saudi-Öl-Magnaten anlockte – auch Kaymer kassierte eine stattliche Wechselprämie -, präsentiert sich anders: neuer Modus mit nur drei Runden ohne Cut, Kanonenstart, höhere Preisgelder, Musik und Party auf dem Golfplatzgelände. „Probleme findet man überall“, sagt Kaymer deutlich, auch bei der LIV Tour, die er als „Startup“ bezeichnet, gebe es noch sehr viele Veränderungen. Aber den Weg, den die DP World Tour (früher European Tour) im vergangenen Jahrzehnt eingeschlagen hat, sieht er „als Schritt in die falsche Richtung“. Die ehemalige Vorzeige-Spielklasse sei „so ein bisschen hinten runtergefallen“.

Kaymer präsentierte sich in München bei seiner Reise in die golferische Vergangenheit sehr solide, landete auf Rang 19. „Eine gute Woche“, resümiert er. Ihn stresste es nicht, wieder vier Runden Golf spielen zu müssen. „Ich bin noch fit genug, ich hätte auch eine fünfte geschafft“, scherzte er. Etwas kurios fand er das Gefühl, den Cut wieder im Nacken zu spüren. Also die Qualifikation für die Finalrunden, die den besten 65 und Schlaggleichen vorbehalten ist. „So ein bisschen Druck ist das schon, war interessant, zwar nie richtig eng, aber auch nicht so, dass ich sagen konnte, ich bin ganz relaxt.“

Noch etwas fiel ihm auf. „Diese Totenstille an den Abschlägen.“ Kennt er nicht mehr von den LIV-Turnieren. Da läuft immer irgendwo Musik rund um die Tee-Boxen. „Nicht für uns Spieler, eher für die Zuschauer, für uns ist das irrelevant.“ Kaymer merkte in Eichenried, wie sich bei ihm eine gewisse Nervosität breitmachte. „Weil alles so still war.“

Der Routinier steht selbst für die Traditionen des Golfsports ein. „Aber man muss sich überlegen, was heute auch wirklich noch authentisch ist.“ Ob und wie sich LIV und die anderen Touren künftig wieder annähern – Kaymer kann nur spekulieren. „Ich glaube schon, dass es gute Chancen gibt, dass es zu positiven Veränderungen kommt. Immerhin sind die Geschäftsführer von LIV und der US Tour sogar miteinander in die Schule gegangen.“ Die Hoffnung gibt er nicht auf. „Es würde Golf guttun, etwas moderner zu werden.“CHRISTIAN FELLNER

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