Die Meistertrainerin: Sarina Wiegman. © AFP/SEBASTIEN BOZON
Es ist entschieden: Chloe Kelly hat den letzten Elfmeter gegen Catalina Coll verwandelt. © AFP/MIGUEL MEDINA
Sie sind die Königinnen von Europa: Die Engländerinnen im Baseler St.-Jakobs-Park. © AFP/FABRICE COFFRINI
Basel – Prinz William berkniff sich jede Geste, die halbwegs irritierend hätte sein können. Aleksander Ceferin vermied es bei der Siegerehrung im St. Jakob-Park ganz, überhaupt nur einen Fuß auf die Empore zu setzen. Was sich beim WM-Finale 2023 in Sydney ereignete, sollte sich einem EM-Finale 2025 in Basel nicht wiederholen: dass ein Mann die Frauen bei ihrem schönsten Moment störte.
Also gehörte die Bühne allein den englischen Fußballerinnen, die mit ihrer Titelverteidigung ins Geschichtsbuch eingehen. Die Prominenz aus dem englischen Königshaus und der Präsident der Europäischen Fußball-Union (UEFA) hatten bei der Übergabe der Siegerplakette nur einer ganz fest die Hand gedrückt, die wie keine andere in diesem erbitterten Fight zwischen England und Spanien (3:1 im Elfmeterschießen) auf die Zähne gebissen hatte: Lucy Bronze. Die Powerfrau bestritt das Turnier mit gebrochenem Schienbein (siehe Artikel unten).
Erfolgstrainerin Sarina Wiegman („Wie kann das passieren? Aber es ist passiert!“) bedankte sich beim Gastgeber. Im „Dolder Grand“, dem teuersten und luxuriösesten Hotel von ganz Zürich, sei es wie in der gesamten Schweiz atmosphärisch „wunderschön“ gewesen, sagte die 55-jährige Niederländerin. Wer hätte da vom sportlich „chaotischsten, verrücktesten Turnier“ (O-Ton Wiegman) früher als nötig abreisen wollen?
Dagegen stemmte sich auf der Wegstrecke der Widrigkeiten auch Torhüterin Hannah Hampton. Die 24-Jährige, in Sozialen Medien kurz vor der EM angefeindet, weil sie angeblich nicht so gut sei wie die 2022 abgefeierte Mary Earps sei, behielt nicht nur bei den im Endspiel abgewehrten Elfmetern von Mariona Caldentey und Aitana Bonmati den Durchblick.
Dabei schielte sie früher so stark, dass sie sich kein Glas Wasser unfallfrei eingießen konnte. Hampton wurde mit einer Augenerkrankung geboren und als Kind mehrfach operiert. Ärzte rieten ihr eigentlich vom Fußball ab, weil ihr die Tiefenwahrnehmung fehlt. „Ich habe den Leuten das Gegenteil bewiesen.“
Ähnliche Genugtuung schwang auch bei Chloe Kelly (27) mit, die sich beim Halbfinaldrama gegen Italien als Retterin betätigte. Dass sie nun wie vor drei Jahren als Einwechselspielerin die Heldenrolle erhielt, war das nächste Märchen.
Im Winter stand die extrovertierte Persönlichkeit bei Manchester City nicht mal mehr im Kader und wollte die Karriere schon beenden. „Ich hatte harte Zeiten und bin froh und dankbar, es wieder geschafft zu haben“, sagte beim FC Arsenal wieder aufgeblührte Angreiferin. Dass sie erst die Traumflanke zum Ausgleich von Alexia Russo schlug, um später mit ihren eigenen Ritualen – den Ball drehen und vor dem Anlauf hüpfen – das englische Glück perfekt machte, war vielleicht kein Zufall.
Wiegman hielt in einem fast sanften Tonfall fest: „Jede Spielerin hat ihre eigene Geschichte. Ich glaube, das hat mit unserer Mannschaft, aber auch mit ihrem Charakter zu tun.“ Zur Belohnung für den Coup gegen die Weltmeisterinnen soll es am Dienstag im offenen Bus in London bis vor den Buckingham Palace gehen.
Zuvor übermittelte König Charles III. den neuen und alten Europameisterinnen seine „herzlichsten Glückwünsche“. Seit „mehr Jahren, als ich mich erinnern kann, singen die englischen Fans den berühmten Song ‚Football‘s coming home‘“, schrieb er. Der WM-Triumph der Männer 1966 sowie der EM-Titel der Frauen 2022 sei jeweils bei Heimturnieren im alten und neuen Wembley gelungen, jetzt bringe dieses Team wirklich „den Fußball nach Hause“.